2016 - das wars!

die Strafe der Spieldose
von Michael Sturm

2016 - das wars!

Die Spieldose schweigt, denn niemand hat 10 Pfennig dabei. Und wer will schon eine andere Münze einwerfen und sich anschließend strafrechtlich verfolgen lassen nach der Gesetzgebung von vor 1914. Niemand. Und ich auch nicht. Und Rückblicke, auch wenn sie nur knapp 100 Jahre umfassen sind nicht wirklich gewinnbringend oder gar beruhigend, ganz im Gegenteil. Noch dazu sind sie beschwerlich, deshalb bin ich geneigt voraus zu schauen und knapp in den Rückspiegel zu blicken, um das Jahr 2016 zumindest halbscharf noch im Blickwinkel zu haben.

2016 - es endete mit der Spieldose. Sie entdeckte ich vor wenigen Tagen im Instrumentenmuseum von Poznán/Posen. Ein einzigartiges Museum mit einer überaus geglückten Zusammenstellung alter Musikinstrumente. Trompeten ohne Ventile, die Geige des Virtuosen Henryk Wieniawski, die Aufstellung von Musikinstrumenten zu einem Orchester nach alter, dh. deutscher Sitzordnung. Und die Spieldose als Reminiszenz an eine Zeit, die den Menschen noch alle Möglichkeiten gab, historisch nicht in die falsche Richtung abzubiegen.

Denn das konnte ich erleben im "POLIN", dem Warschauer Museum für Jüdische Geschichte in Polen. Einzigartig und sehr berührend. Geht es doch darum zu zeigen, wie sich die Juden in Polen ansiedelten vor knapp 1000 Jahren. Die Reise durch die Zeit beginnt auf einer imanginären Lichtung eines dichten Waldes, das Grün ist saftig und lässt den Frühling erahnen. Sie führt durch das Land ohne Scheiterhaufen, das Land der Shtetl und gelebten Freiheit jüdischen Lebens - schließlich gab es königliche Gesetze, die das erfolgreich über Jahrhunderte zu verhindern wussten. Mit dem Verschwinden Polens auf der Landkarte, änderten sich auch die Gesetze. Russland, Preussen und Österreich behandelten ihre neuen Untertanen, so wie sie es in ihren eigenen Ländern praktizierten. Die Zeit der Sorgen begann, denn schleichend kehrten Nationalismen ein und Ausgrenzung. Der Rest ist bekannt, denn es endete in der Katastrophe. Die Reise durch die Ausstellung ist so beklemmend, weil nicht nur das WARUM wie ein Menetekel an der Wand steht für das Hier und Heute, sondern auch die verpassten Möglichkeiten aufzeigt, bitte vorher und rechtzeitig abzubiegen. Das Museum ist erfahrbare Geschichte, das Museum ist Leben, ist Hoffnung und Glaube daran, dass WIR das Postive in uns entdecken und danach handeln können. Mein Museums-Hit 2016 und Tipp für alle danach!

Schostakowitsch Nummer 4 - das war mein musikalisches Highlight 2016. Selten gespielt, weil im Aufwand zu groß, doch die berührendste aller Werke des großen russischen Meisters. Erlebt in Kattowitz im neuen Musiksaal des Polnischen Rundfunkorchesters mit seiner so hervorragenden Akustik. Der Saal ist ein Muss für alle, die umfangen sein möchten vom feinen Klang der einzelnden Instrumente. Die Sinfonie Nummer 4 war deshalb so einzigartig, weil man das Gefühl hatte inmitten des Orchesters zu sitzen. Schostakowitsch gegen Stalin - wir waren posthum dabei. Und ich kann nur sagen: auf nach Polen!

Ich lese viel und mir fehlen oft die Titel bei der Endabrechnung. Weiß ich noch, was ich vor zehn Monaten las? Zur Zeit sind es mal wieder die "Morgenröthe" von Friedrich Nietzsche.  Aus gutem Grund, denn übermorgen bin ich bei ihm in Genua, wo er dieses grandiose Streitopus gegen die Moral zu Papier brachte. Nietzsche ist höchster Intellekt, aber immer auch ganz starke Emotion in der Lust und Verzweiflung am Leben und an den Menschen. Ich empfehle spontan das erste Buch, Ziffer 28. Da kommt einem nicht nur Donald Trump in den Sinn...

Reiseland des Herzens: neben Polen und Kuba, für mich ISRAEL! "Kommt und sehet", es ist ein grossartiges und vielschichtiges Land, eine Demokratie mit vielen Problemen und enormen Chancen. Das Leben ist intensiv, schnell und bunt, das Kulturleben üppig, die Menschen sehr freundlich. Und wer sich fragt, woher er kommt, wohin er geht - da findet man gerade in Israel die richtigen Antworten. Und wer eine Postkarte schreibt und sie seinen Lieben zu schicken gedenkt, der geht ins Österreichische Hospiz in der Altstadt von Jerusalem und steckt sie dort im Briefkasten ein. Kurios und reizvoll zugleich, denn Kaiser Franz-Josef soll dort noch immer die Briefmarken abstempeln.

Was war noch weiter? Ein Konzert bei Lady Solti in London auf dem Flügel von Arturo Benedetti Michelangeli, mein Neuinszenierungen in Lübeck und Oldenburg und das Weihnachtsfest im familiären Kreis, das diesmal besonders schön war. Und der Spruch des Jahres? "Wir müssen die Gesellschaft musikalisieren!", eine mir unbekannte junge Dame sagte das - und zeitlos recht hat sie.

Vom weniger Schönen möchte ich nicht berichten, der Werteverfall ist im vollem Gange, neue Werte ergeben sich und Donald Trump kommt. Besser also das Motto der jungen Dame.

Wir leben in der besten aller möglichen Welten, heißt es bei Candide.

In diesem Sinne Ihnen allen

ein Glückliches, Gesundes und Friedvolles 2017 - manchmal kommt es auf 10 Pfennig an!

Ihr

Michael Sturm

PS: 2017: wir treffen uns in der Elbphilharmonie und der neuen Lindenoper - ich kann es kaum erwarten...

 

Kategorien: Rückblicke der Jahre
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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