Das wunderreiche Jahr 17 plus Zweitausend

Himmel und Sterne in der Galleria
von Michael Sturm

Das wunderreiche Jahr 17 plus Zweitausend

Ja, wie war es? Auf diese Frage kann ich ausreichend kaum Antwort finden, denn an Ereignissen und Begebenheiten, an Begegnungen und Berührungen war es so angereichert, dass ich heute hier in Mailand den verschleierten Eindruck gewinne, ich würde noch im Genua des vorigen Jahres Silvester feiern. Doch nun eben Mailand im Grandhotel Hotel Milan, wo Giuseppe Verdi 1901 das Leben aushauchte mit einem Fahrstuhl, den er selbst noch benutzt haben dürfte, so antik wirkt er. Das ist aber auch das Einzige, was real historisch zu nennen ist und entsprechend wirkt, das Andere ist verblasst und lebt im Geiste oder verborgen in den tiefen Poren des Mauerwerkes. Übermorgen geht es in die Scala, die Netrebko wartet auf mit ihrem Mann, gespannt sind wir.

Highlight des ausklingenden Jahres war für mich als Regisseur das Wirken beim Opernfestival in Wexford. Höchst intensiv war es und nicht ganz unkompliziert im Zusammenwirken der Kräfte, selbst der Sturm ausserhalb des schönen Opernhauses spielte eine Rolle, legt er doch kurzzeitig die Stromversorgung in Stadt und Opernhaus flach. Margherita und Raphael kamen als Geschisterpaar im Abstand von zehn Tagen auf die Welt, gerade passend in dem Moment als die Stürme sich wieder legten. Margherita schläft nun tief und fest, um einst in Oldenburg wieder wachgeküsst zu werden. Raphael hingegen schläft bisweilen viel, leider nicht immer die Nacht durch, doch zusehends orientiert am Rhythmus seiner Eltern. Seamie ist auf gutem Wege ein Großer zu werden!

Die CD des Jahres: Harmonia Mundi mit Mendelssohns Reformationssinfonie und seinem Violinkonzert. Endlich erklingen mal Nuancen, die dem Zuhörer zu oft vorenthalten werden, sehr verinnerlicht und klar, ohne Zuckerguss und breiten Pinselstrich. Lohnenswert!

Das Buch des Jahres: für mich die Wiederentdeckung der "Auferstehung" von Tolstoi. Ein guter Anstoss durch die gleichnamige Oper von Franco Alfano, die erfolgreich in Wexford wiederbelebt wurde. Übrigens eine wirklich gute Hebung eines vergessenen Schatzes. Es sollte unbedingt an weiteren Theatern gespielt werden - ich würde es fraglos gerne inszenieren.

Die Opernaufführung des Jahres fand für mich in der Komischen Oper mit Anatevka inszeniert von Barrie Kosky statt. Unterhaltsam, tiefgründig, stark an Bildern und grossartig an Spiel und Geist. Was man so alles aus alten Schränken hervorholen kann - ein ganzes Leben, ein ganzes Volk, eine Zeit, die gültig bis heute ist. EInfach grossartig, sensationell! Und dann gab es in Oslo Stefan Herheims Version von Puccinis La Boheme als krasser Kampf des Lebens mit dem Tode auf einer Krebsstation. Oper bis an die Schmerzgrenze. Herheim und Kosky sind die Besten zur Zeit.

Konzerte gab es viele, herausragende einige. Eines davon fand in Leipzig statt. Martin Grubinger brachte das Gewandhaus mit seinem Schlagzeug zum Beben und das Gewandhausorchester mit Schostakowitschs 5. unter Orozco Estrada ließ die Tränen kullern. Welch eine Tiefe hat Schostakowitsch doch immer wieder, wie verstörend sind die inneren Bilder, die er zeichnet. Und das Orchester in Leipzig wird immer besser. Sachsen darf sich glücklich schätzen, dass es neben der Staastkapelle Dresden einen zweiten Weltklasseklangkörper besitzt. Wir dürfen uns alle schon jetzt auf Andris Nelsons freuen, den neuen Chef des Gewandhausorchesters. Auf nach Leipzig!

Sängerin des Jahres war für mich Dorothee Mields Hunt, die in ihrer Engelhaftigkeit in Bachs Matthäus Passion dem Erlöser ein Liebeslied sang wie es berührender und inniger kaum sein kann. In Aix passierte es und alle PALCO REAListen waren ebenfalls der Wirklichkeit enthoben und konnten in hren Augen ihren Geliebten lesen. Leider legte mich ein finsterer Virus um auf dieser Reise, doch an diese Erlöserin kann ich mich noch immer erinnern, strahlend und weinend.

Reiseerlebnisse mit PALCO REALE? Sicherlich Norwegen und Kuba - unvergessen. Und 2018? Da freue ich mich auf Israel, wiederum auf Norwegen, Oman und Abu Dhabi, auf vieles kommende. Und natürlich wieder auf Kuba.

Meine Inszenierungen? In Kürze beginnen die Proben zu Wagners Meistersingern und in naher Zukunft folgt Gounods Faust.

Ihnen allen ein frohes und glückliches 2018,

auf bald,

Ihr

Michael Sturm, Mailand den 31.Dezember 2017

 

Kategorien: Silvester seit 2015
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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