Die Gezeiten von London

Royal Albert Hall
von Michael Sturm

Die Gezeiten von London

Von Heathrow geht es mit dem Airport Express nach Paddington Station. Man sollte nicht unbedingt auf den Zug um "16.50 ab Paddington Station" warten, um weiterzureisen, es sei denn man wartet auf den Eilzug in  Richtung Winchester auf Bahnsteig 3, Gleis 2. Dort grüßt das Dampflokzeitalter den verrußten und verdunkelten Bahnhofshimmel auf eine magische Art. Manch grauer wolkiger Dunst schwingt noch in der Luft, es pufft und kracht, es bolzt und krächzt, alle Elemente vereint im Takt der ein-und ausfahrenden Züge. Eine Frauenstimme tönt schrill mit ihrer Ansage aus dem Lautsprecher. Viele Menschen eilen zu ihren Abteilen. Kinder, Paare, Verliebte und  Verlassene, Angestellte und Pensionisten - und eine alleinstehende ältere Dame mit dem besonderen Blick. Wir steigen mit ihr ins Abteil, sie bemerkt uns nicht. Ein Kind vom gegenüberfahrenden Nachbarzug streckt ihr frech die Zunge heraus, sie züngelt entsprechend in einer ebenso frechen wie lustigen Antwort. Lebenslustig und vor allem neugierig ist sie und so schaut sie in weitere gegenüber fahrende Abteile. Doch da, plötzlich, das Schauderhafte: ein Mann erwürgt eine Frau. Miss Marple ist schockiert, wird man ihr glauben, was sie gesehen hat?

Vom einst dunklen Bahnhof ist wenig geblieben, er ist licht und hell, einladend zwar, doch arm an Geheimnis.  Am Ausgang wartet der Treppenabgang zur Bakerloo Line. Den wählt man, wenn es zur Oxford Street gehen soll. Unterwegs die Station Baker Street. Steige ich aus und gehe zur Nummer 221B? Holmes wird nicht zu Hause sein, er ist, wie ich weiß, um diese Zeit bei seinem Bruder Mycroft. Der Grund: Dr.Watson ist spurlos verschwunden und Lestrade kann gerade nicht helfen, da er mit einem anderen Fall beschaftigt ist. Ich fahre also weiter, es sind noch einige Stationen. Plötzlich spüre ich ein stechendes Augenpaar auf mich gerichtet ist, es beunruhigt mich und ich drehe mich um. Verschwunden sind die durchdringenden Augen, doch ein überraschend klares Nachbild bleibt hängen. Und das sorgt für zunehmendes Frösteln. Die Augen gehören nämlich Moriarty. Zügig steige ich aus, ziehe den schweren Koffer hinter mir her, die vielen Treppen hinauf, ich komme ins Schwitzen. Endlich Tageslicht, die Oxford Street, The Langham, die Wirklichkeit hat mich wieder, ich kann erleichtert atmen. Beruhigt quartiere ich mich im Hotel ein, wechsle freundliche Worte mit der überaus attraktiven Dame vom Empfang und nähere mich schließlich dem Fahrstuhl, als wiederum etwas Bekanntes meinen Weg kreuzt. Diesmal ist es Dr.Watson, er ist unterwegs zum " Scandal in Bohemia".

Die Royal Albert Hall sah viele Besucher kommen und gehen. Der eine trug eine Waffe und wartete auf ein Zeichen zum tödlichen Schuß. Wie kann man erreichen, dass ein Schuß ungehört bleibt? Ganz einfach, man heißt Hitchcock und ersinnt ihn sich auf dem lauten Beckenschlag einer Chorkantate mit großem Orchester. Ich sitze im vollbesetzen Auditorium, schließe die Augen, lausche Rossini, Bruch, Brahms und Strawinsky und schweife langsam ab. Wann kommt denn heute der Beckenschlag? Hoffentlich nicht heute, ist doch die königliche Familie anwesend, nicht sichtbar zwar, doch hörbar durch das  Intonieren von "God save the Queen" und dem kollektiven Aufstehen der übrigen Anwesenden. Seltsame Gedankenwindungen, ich wache auf bei Martha Argerich, doch die Augen bleiben geschlossen. Ich halte sie übrigens immer geschlossen, manchmal sogar in der Oper, so kann ich mich besser fokussieren und den innerne Klang erleben. Wenn mich die musikalische Interpretation auf eine Reise mitnimmt, bleibe ich in der Dunkelheit und ein eigener Film beginnt zu leben. Mit dem Schlaflied "Que Sera, Sera" geht es in das Reich der Träume. Nicht in der Albert Hall, doch auf der weichen Matratze des Langham. Ja, "Der Mann, der zuviel wusste" mit der grossartigen Doris Day. Guten Schlaf und Gute Nacht.

Am darauffolgenden Abend saß der verkleidete Moriarty am Steuer, ich bin mir sicher. Denn er schlug den Weg zur Royal Albert Hall ein anstatt zum Royal Opera House zu fahren. Das war er, ganz sicher. Wir kamen an, doch Higgins und Pickering lauschten schon der vorzüglichen Norma. Wir trafen die Gentlemen später in der Pause und kurz nach dem Ende der Vorstellung ein Taxi rufend. Erst viel später konnte ich der Lektüre entnehmen, dass sie noch an eine Blumenverkäuferin geraten waren. Wie hieß sie doch gleich?

Ach, übrigens saß mir Lestrade tatsächlich im überaus guten Restaurant im Borough Market gegenüber. Er plauderte entspannt mit einem mir unbekannten Herrn. Worüber entzieht sich meiner Kenntnis, doch ich muss ja nicht alles wissen, vielleicht noch den einen Namen lüften, der das Gezeiten-Rätsel auflöst - nämlich den der Blumenverkäuferin.

Sie wissen Ihn wahrscheinlich, oder?

 

Kategorien: Sturm unterwegs
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

Neuen Kommentar schreiben