Farbenspiele

Farbenspiel 1
von Michael Sturm

Farbenspiele

Die rote Phase beginnt hinter Varadero, denn dort beginnt das eigentliche Cuba. Landstrassen führen ins Landesinnere, durch Dörfer und Kleinstädte hindurch, vorbei an Menschen, die zur Arbeit gehen, den täglichen Bedarf organisieren oder auf einem Fahrradtaxi auf Kundschaft warten. Auf den Straßen aufgemöbelte Oldtimer und Oldtimer, die auf Perspektiven warten oder auf die allerletzte Zündschlüsseldrehung.  Lastkraftwagen mit offenem Verdeck als Busersatz, Reisende steigen zu oder aus, mancher auf und ab, ganz nach Perspektive. Bewegung im Lebenskreis. Es geht nach Santa Clara und aus der Landstraße wird eine Autobahn, zuweilen breit wie eine Landebahn, sie hat keinen grünen Mittelstreifen. Ab und an ein Regenschauer, der schnell verdampft in der Hitze, die über allem steht. Che wartet in Santa Clara. Seine Geschichte beginnt mit der Tat gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit, sie findet Anhänger, weil das Maß der Last für die Masse zu schwer geworden ist und Veränderungen in der Luft liegen. Seine Tat endete in Bolivien, wo die Unterdrückten zu seiner Überraschung ihre Last weiter tragen wollten. Der Revolutionär starb ohne Volkserhebung. Und wir stehen am Monumento und sinnieren über Sinn und Gefolgschaft, über das Maß und Muss heutiger Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Wo sind die Revolutionäre heute, wo der Aufbruch, wo der Kampf gegen den Verlust von Wahrheit und Identität? Der Name Edward Snowden fällt als Antwort für das digitale Zeitalter der Gegenwart. Sicherlich, ein Held ist er und nachhaltig mit seiner Tat, vermutlich wie Che, fragt sich nur, ob das den Lebenskreis aller verändern wird. Anhänger hat er, doch ob sie in Bewegung bleiben?

 

Und nun hinein in die grüne Phase, von Santa Clara über die Berge hinweg nach Trinidad ans karibische Meer, der Park der Topes de Collantes erwartet uns. Es wird einsamer auf den Strassen, nur wenige Motorisierte befahren einen Weg, der zum Pfad wird. Pferde säumen ihn als Last und Zugtiere, als Freie und Unfreie, so wie es sich fügte. Die Schlaglöcher werden größer, der feste Asphalt wechselt mit staubigem Schotter, langsam geht es hinauf. Die Luft ist klar und wie geschaffen für ungetrübte Blicke in Täler, auf Flüsse und Wasser, auf Wipfel ohne Zweifel. Die Vegetation atmet grün und bunt. Wir halten, ein Guide nimmt uns an die Hand und wir betreten einen schmalen Pfad hinein in diese paradiesische Welt, die so wunderbar duftet und die Menschen betört. Diese Welt ist eine Kunstform, die sich durch nichts beschreiben lässt, weil sie es aus sich heraus ist und tut und damit unvergleichlich ist mit dem Menschen als gastierenden Betrachter. Sie feiert sich ohne es zu wissen und erhebt den Menschen, der es weiß, zum fast gleichrangigen Teil der Schöpfung.

 

Mit dem Bus geht es weiter, der Weg wird besser, ein Kurhotel für alte Kader mag Grund dafür sein. Kurz dahinter öffnet sich der Blick in die Weite und der Himmel vereint sich mit dem karibischen Meer zu einem familiären Blau, welches das intensive Grün des Tages als Schwester und Bruder hinter sich lässt. Angekommen in Trinidad, wo die Farben bekanntlich Feste im Rhythmus des Salsa feiern und die Schutzgöttin Yemalla heisst. Und damit endet der Tag wie er zwei Tage zuvor begonnen hat, nämlich in blau.

Kategorien: Kuba
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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