"Gott, erhalte Franz den Kaiser!"

Wir!
von Michael Sturm

"Gott, erhalte Franz den Kaiser!"

Der Aufführungsort des Abschlusskonzertes ist das Teatro Martí, das kleine „Opernhaus“ mit Orchestergraben und Bühne, wie geschaffen für Aufführungen der kubanischen Zarzuela, nicht zu groß, nicht zu klein, an Technik und Möglichkeiten ganz ordentlich bestückt. Das Orchester des Lyceums sitzt natürlich nicht im tiefen Graben, sondern auf der Bühne, was akustisch nicht ganz so optimal, doch als Rahmen und in Größe besser geeignet ist für einen feurigen Abschluss als das kleinere Oratorio de San Felipe Neri. Letztlich bleibt es aber Geschmacksache.

Eigentlich wollen wir am Tag nach dem Finale nur kurz vorbeischauen im Oratorio, wir haben einen Termin. Gepackt und verstaut ist schon das Gepäck, danach begint die Abschiedstour auf dem Fahrrad-Taxi auf der schon bekannten Strecke. Zur Linken und Rechten munteres geschäftiges Treiben, eine Apotheke dabei, ein Fleischer, eine Werkstatt für was auch immer, viele geöffnete Fenster und Türen als Spalt für den Einblick in die Geheimnisse des Alltags. Ein Lächeln und winkender Gruß vom Rad aus verbreitet den Spalt wie von selbst für die Wärme, die dahinter lugt, ein herzliches Treiben. Die Taxifahrer strampeln tapfer und mit geweiteten Waden, ihr Tempo ist zügig, ihre routiniert präzise Manövrierarbeit bemerkenswert. Wahre Künstler in der Millimeterberechnung sind sie, Unfälle sind kaum überliefert.

Wir steigen ab, es öffnen sich die Türen zu San Felipe Neri, wir betreten den Konzertraum des Lyceums und werden begrüßt von Ulises Hernández, Pianist, Komponist und Direktor des Instituts. Ulises spricht berührende Worte des Dankes für unseren Besuch und die finanzielle Unterstützung durch PALCO REALE und sein Programm „Young Artists Project“, ich überreiche stellvertretend den symbolischen Scheck und der Direktor kündigt ein Streichquartett von Haydn an, sowie etwas Kubanisches als finalen Schlusspunkt. Die jungen Vier beginnen, sie musizieren grandios den ersten Satz und dann folgt der zweite, der das Herz zum nahen Stillstand bringt und zu Tränen der Rührung führt. Denn es ist das Kaiserquartett, das wir hören mit seinem Hymnus „Gott, erhalte Franz den Kaiser“ in Variationen, bekannt auch als Melodie des späteren Deutschandlieds. Es ist eine Brücke, die durch die Vier mit Haydns Hilfe in das alte Europa gebaut wird, ein Weg, den wir gemeinsam beschreiten. Hin und Zurück geht es, unterwegs sind wir, die Musik in uns als Verbindung, als Heimat der Suchenden und Sehnsüchtigen und der Heimatlosen, unterwegs aber auch zum Spiegelbild der eigenen Identität. Ein Moment, der sich nicht wirklich in Worte fassen lässt.

Es geht die Empore hinauf, Kaffee, Getränke und leichte Köstlichkeiten werden gereicht, vereint dabei die Musiker, das Direktorium und wir, als die Gäste aus dem „alten Europa“, hinzu gesellt sich nun Orlando Ramos Blanco, er ist der Direktor der staatlichen  Reiseagentur „Agencia de Viajes San Cristobal“, er ist es, der unsere Reise die innere Stabilität verlieh, sie vorbereitete und begleitete.

Eine Dame unter uns nimmt mich zur Seite. Ihr sei aufgefallen, dass die Bratsche in keinem guten Zustand wäre, was sie gerne ändern möchte. Sie fragt, ob ich die Musikerin zu ihr holen könne, denn sie wolle ihr etwas mitteilen. Sie kommt, ebenso Ulises, den ich dazuhole. Die Dame erfährt vom Direktor, dass das Instrument ein Leihinstrument sei, die Musikerin selbst gar kein Instrument besitze. So stiftet die Dame der jungen Bratschistin ein eigenes Instrument, die junge Frau mit Namen Ariana findet keine Worte und Ulises Hernández kommen Tränen in die Augen.

Welch ein bewegender Augenblick!

 

 

 

 

Kategorien: Kuba
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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