"Haben und Nichthaben"

Salz, Pfeffer, Mond und Plastikblume
von Michael Sturm

"Haben und Nichthaben"

Im tschechischen Speisewagen von Prag nach Berlin. Alles ruhig, wenig Betrieb, das Personal steht und wartet auf Kundschaft. Rechts die Elbe, die Sonne tanzt winterlich auf dem starren Strom. Amerikanisches Frühstück, also zwei Spiegeleier mit Schinken, etwas Brot, dazu Butter, Käsescheiben und Marmelade und ein Heißgetränk freier Wahl. Ich lese „Haben und Nichthaben“, meine literarische Brücke ins ferne Cojímar. Die letzten Seiten im Leben des Harry Morgan hier an der Elbe, die ersten in der Karibik, bedeckter Himmel dort, warm und stürmisch, hohe Wogen. Nicht lange her, es schwingt noch nach, ist irgendetwas zwischen Haben und Nichthaben, so in der Mitte verblassender Erinnerungen. Harry Morgan kann ich nicht fragen, er liegt nun auf der Bahre, kein Morgen mehr für ihn. Ergreifende Erzählung von Ernest Hemingway, zeitlose Geschichte über Glücksritter und Überlebenskämpfer. Bad Schandau.

 

Mit der Temperatur stimmt etwas nicht. „Ganz schön kalt hier“ sage ich. „Trinken Sie einen Tee“ entgegnet die Bedienung knapp. Wahrscheinlich ist der Weg zur Kasse für sie näher als zum Knopf der Temperaturregulierung. Leichtes Grollen, aber gut: also Früchtetee. Ich muss an Harry Morgan denken, der hätte sicherlich eine Flasche Bacardi bestellt...Egal. Die Bedienungsfachkraft ist stumpf, gelangweilt, schaut etwas herablassend auf die wenigen Kundschaft. Ob sie mit ihren kühlblauen Augen auch Leidenschaft kennt? Ich denke kurz und rühre den Tee in der Tasse. Nein, komme ich zum Schluß, sie steht lieber rum, guckt, will schnell fertig werden, damit sie wieder rumstehen kann. Nun ein Schluck, es wird wärmer, geht doch. Der deutsche Zugführer müht sich bei seinen Ansagen um ein gutes Englisch, klappt wieder nicht, macht nichts, kenne ich schon. Dresden. Aufenthalt zehn Minuten. Nach schnellen fünf geht es weiter, der Zug hat schon eine halbe Stunde Verspätung, er muss aufholen.

 

Schräg hinter mir platziert sich ein schlanker Mann mittleren Alters, Kleidung schwarz, Brille mit breitem Rand und bemüht modernem Design. Die Bedienungsfachkraft rückt mit der Speisekarte an, schnell, damit sie wieder rumstehen kann. Der Mann mit Brille ist mürrisch, nuschelt etwas vor sich hin wie „Kann man sich nicht einmal in Ruhe hinsetzen“. Sie zieht ab, kehrt bald wieder, er breitet sich aus, bekommt seine Apfelschorle. Auch nicht Harry Morgans Getränk, denke ich. Er sendet weiterhin mürrische Wellen, insbesondere in Richtung Fachkraft. Dann greift er zum Telefon und sein Tonfall wird butterweich mit viel Legato. „Du, kannst Du mir noch so eine Maske machen, für das Vorsprechen in K. – da gibt es einen Wechsel in der Theaterleitung, die brauche ich als Richard der Dritte. Du weißt doch, die, die fast durchsichtig ist. Das hat eine tolle Wirkung. Zahl ich Dir auch!“ Richard mit Designerbrille unterhält sein spärliches Publikum im Speisewagen, er ist gut in der Diktion und laut vereinnahmend in seinem sprachlichen Gestus, ganz in einer Rolle und ziemlich zufrieden mit sich selbst und seinem Legato. Schließlich bekommt er die Maske und jeder der Mitreisenden ist dem Applaus ganz nah. Nach diesem erfreulichen Telefonat verfällt er wieder ins Mürrische, er setzt sich um, wohl um mehr Platz und Ruhe für sein nun beginnendes Rollenstudium zu finden, irgendetwas stört ihn. Die schon halbgelehrte Apfelschorle nimmt er mit, ein flüssiges Mittel zur Stärkung setzt er dem Zuckertrank hinzu. Weiter geht’s´ mit Energie zum Studium, der Text liegt gross ausgebreitet vor ihm. Er liest und schnupft, er schnupft und liest, seine Finger wandern an und in der feuchten Nase umher. Ob er es merkt? Ab und an verlässt er sprunghaft seinen Platz, um zur Toilette zu kommen. Er erreicht sie nie, denn nach wenigen Momenten sitzt er wieder an seinem Arbeitsplatz, lesend und schniefend mit dem schon routinierten Fingerspiel. Die Finger sind nun fortwährend in Bewegung, er umsorgt sie mit Creme und höchster Zuneigung. Er hat es aber nur auf die Fingerkuppen und Gelenke abgesehen. Sonderbar das alles und nicht gerade appetitlich.

 

Gerade will ich mich noch einmal gedanklich Harry Morgan zuwenden, als ich die Rumstehende in äußerster Unruhe erlebe. Sie ist nun gar nicht mehr gut drauf und platzt wütend Richard dem Dritten entgegen „Lassen Sie das mit den Fingern, es ist eklig!“ Er reagiert überhaupt nicht, sondern spielt stattdessen seelenruhig weiter nach den Regeln seines inneren Textes. „Hat da eine Fliege gehustet?“ Sie wird immer ungehaltener, kommt zu mir und lässt ihrer Abscheu auf tschechisch freien Lauf. Ich verstehe alles und fühle mich Harry Morgan ganz nah. Sie  arbeitet sich weiter an ihm ab, bittet ihn umgehend zu zahlen und zu gehen. Er lässt sich Zeit, ist tief versunken in Finger, Nase und Lektüre. Kurz vor Südkreuz kommt sie mit der Rechnung, sie trägt mittlerweile hygienisch einwandfreie Latexhandschuhe und kann weitere verbale Ausbrüche gerade noch abwenden. Er packt seine Sachen, steht auf und geht, Hauptbahnhof.

Seine Rolle lässt er liegen, vergessen, vielleicht auch nicht nötig. Die Maske braucht er nicht mehr, die hat ihm schon die Rumstehende verpasst. „Haben und Nichthaben“ ganz nah beieinander, das „Amerikanische Frühstück“ ist beendet. Nach Hause geht’s.

Kategorien: Sturm unterwegs
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

Neuen Kommentar schreiben