Im Herzen des Cellos

2017
von Michael Sturm

Im Herzen des Cellos

Zwischen den Welten zu pilgern ist eine mentale und emotionale Herausforderung. Cuba bei Regen und heftigen Winden und annähernd 27 Grad Außentemperatur zu verlassen, lässt einen fliegenden Holländer ziemlich schwitzen, anders aber dann in Frankfurt nach der Landung, bei herbstlich biederen 16 Graden, güldnener Sonne und Windstille. Hier lächelt er gelangweilt, als scheint er den Sturm zu vermissen. Der ist aber auch angekommen und trifft Freunde, reist weiter nach Berlin, um von dort nach Irland aufzubrechen. Dabei sein Arbeitspartner und bester Kumpel Stefan. Das erste Mal Irland also, Dublin und Wexford.

Von der Haupstadt sehen wir nichts, denn unser Chauffeur fährt direkt weiter in den Süden der schönen Insel. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir das für uns reservierte Hotel der Festspielstadt an der irischen See. Munteres Treiben im Hotelfoyer, denn es gleicht einer einzigen Kunstausstellung. Viele Menschen, viel Kaffee, viele bunte zu beschauende Gemälde irischer Maler und eine Kammeroper des Festivals im Obergeschoss. Die ist gerade vorbei und wiederum viele strömen hinunter ins Foyer und aus einem munteren wird ein enges Treiben. Ein gewöhnlicher Nachmittag zur Festspielzeit.

Am Abend dann Oper, sie beginnt immer um Acht. Das Ausschwärmen schwarz-weißer Pinguine mit Mascherl und bunter Begleitung startet gemächlich und knapp drei Stunden früher. Man nimmt sich Zeit für das Dinner vorweg. Wexford erhält in diesen Stunden sein festliches Dekor und eine erwartungsvolle fast heilige Stimmung liegt über der Stadt, so als würde man am Weihnachtsabend den Kirchgang vollziehen, um sich danach reich beschenken zu lassen. Wenn man dann das erste Mal das Festspielhaus betritt, versteht man dieses Vorspiel tatsächlich als festlichen Auftakt und als einen Ritus im hohen Hause. Und dieses Haus ist von außerordentlicher Schönheit. Es soll den warmen Klang eines Cellos suggerieren und in der Tat spiegeln Farben, Form und Material die Intention des Architekten: der Zuschauer darf sich im Herzen eines Cellos fühlen, dessen warmer und menschlicher Klang sich in ihm entfaltet, ihn erhebt schon bevor sich der Vorhang öffnet und die Bühne grüßt. Das Orchester kommt, es wird dunkel im Saal und mit den ersten Takten der Musik erhebt sich das Publikum und intoniert feierlich die innig schöne Melodie der irischen Nationalhymne. "Seo dhibh a chairde duan Óglaigh....". Dem Text zu folgen ist nicht ganz so einfach, denn er ist auf gälisch. Wer trotzdem mitsingen möchte, ist herzlich eingeladen, denn die Worte finden sich in der Übertitelung oberhalb des Portals eingeblendet. "Und jedermann erwartet sich ein Fest" - hier lässt es sich erleben und gebürlich mit Geschmack und Stil feiern.

Im kommenden Jahr die "Medea" von Luigi Cherubini, "Margherita" von Jacopo Foroni und die "Risurrezione" von Franco Alfano. Darauf zwei Guinness, cheers!

DIE WEXFORD FESTIVAL OPERA - ist ein ganz besonderes Festival, worin diese einzigartige Besonderheit besteht, lesen Sie auf der nächsten Seite.

 

Kategorien: Wexford
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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