An Oder und Neiße

Abendstimmung in Lebus
von Michael Sturm

An Oder und Neiße

Wir reisen mit dem Rad. Vater und Sohn beginnen ihren Trip dort, wo sie im Jahr zuvor aufgehört hatten, in Forst, wo Ruinen von Brücken suggerieren, dass es auf der anderen Seite einst weiterging, dort Menschen wohnten und arbeiteten und dabei die Stadt nicht verließen. Die Natur kehrte im Laufe der Jahrzehnte zurück und das heutige Grün wirkt wie eine monochrome Projektionsfläche, die einer tiefgründigen Fantasie hilft, im Schauen alle Zeiten, Farben und Schattierungen sehen zu können.

Unser Weg führt Richtung Norden, Stettin soll der Finalort sein. Der Radweg ist gut ausgebaut und auf der schmalen Deichkrone genießt man den erhabenen Blick über Flüsse, Wiesen und Wälder hinweg. Meist ist es flach und der Blick kann ungebremst und barrierefrei in die Ferne schweifen. Ab und an aber muss man die Krone verlassen und radelt durch Siedlungen und Dörfer, die am Wege liegen. Hier ein alter Bahnhof, der zum Wohnhaus wurde, weil seit Jahrzehnten keine Bahn mehr fährt, dort, nahe des Wasserwerkes, ein gepflegter Garten mit russischem Kampfflugzeug als stummer Zeuge gefährlicher Zeiten. Und dann ein Dorf mit alter Kirche aus Feldsteinen, vollends umgeben von einem Friedhof, der noch viele freie Begräbnisplätze aufweisen kann. Gegenüber das Eingangsschild zu einem Einkaufsladen mit Getränkeausschank für durstige Radlerkehlen.

Das verblasste Türschild „Lebensmittel“ weist den Weg ins Innere, wir haben Durst und gehen hinein. Dort erwarten uns übersichtlich gefüllte, meist leere Regale, ein alt gedienter Foron-Gasherd und HO-Lebensmittel-Werbetafeln. Die Zeit ist stehengeblieben, der Ort museal und unberührt vom Kohlschen Gemälde der „Blühenden Landschaften“. Jedes Detail stimmt und nichts wirkt ausgestellt, denn an diesem Platz wird gelebt und gearbeitet wie einst vor der Wende. Die Wirtin verkauft das Wenige, brüht den Kaffee und kocht den Mittagstisch für Vorbeifahrende. Der „Konsum“ ist geblieben was er war, auch wenn man mit Euro zahlt und der Kaffee von Eduscho ist. Der Chef stoppt kurz vor der Tür und liefert kistenweise Flaschenbier an. Daran mangelte es im Osten nie, denke ich gerade. Die Wirtin macht einen zufriedenen Eindruck und wir danken ihr dafür, dass es diesen „Konsum“ so gibt wie er ist. Nicht nur, weil er unsere Lust auf Zeitreisen befriedigt, sondern weil es in diesen Regionen an der Oder kaum noch Geschäfte oder Gasthöfe gibt. Der alte Dorfkonsum wirkt wie eine Mahnung, wie ein einsamer Kämpfer gegen die Verödung des Ganzen. Und die alte Kirche als museale Zutat, umgeben von einem Friedhof mit viel Platz, der nicht mehr gebraucht wird.

Weiter auf der Deichkrone und in der Ferne ist der hohe Kirchturm der Klosterkirche von Neuzelle zu sehen, das böhmische Barock leuchtet und lockt. Eigentlich führt der Radwanderweg an Neuzelle vorbei, doch der ist heute wegen einer Baustelle gesperrt. So nehmen wir den Umweg durch Neuzelle dankbar an, das Kloster wollten wir immer schon einmal besuchen. Zunächst lassen wir uns an der Touristeninformation ein Zimmer für die Nacht vermitteln, es liegt nur wenige Kilometer entfernt im benachbarten Lawitz. Wir radeln los. Hinter dem Ortseingangsschild von Lawitz dann ein Warnschild. „Wir schützen uns selbst!!!“ auf deutsch, polnisch und russisch. Eine Mischung aus Neugier und Abwehr macht sich breit, doch wir fahren hinein ins Dorf. Schöne Eigenheime und gepflegte Grundstücke, Autos der mittleren und gehobenen Gehaltsstufe. Wir finden die Pension nicht, stoppen und fragen nach dem Weg zur Pension aber auch nach dem Sinn der Warnung. Der freundliche Gesprächspartner ist beschämt und traurig, weist uns aber zur Übernachtung. Der Gastgeber dort hat viel zu erzählen, von Einbrüchen und Diebstählen aller Art und hoher Anzahl, von der litauischen Mafia, der nahen Fluchtbrücke der vermeintlichen Diebe nach Polen, von einem verirrten dunkelhäutigen Flüchtling, der des Nachts uneingeladen in einem Garten schläft, von der Polizei, die nicht schützt, weil sie nicht kann, da zu viele Stellen in der Vergangenheit getrichen wurden. Und dann, wo wir überhaupt herkommen? Aus Berlin – und Prag. Der Gastgeber stutzt bei Prag. "Ob auf dem Warnschild vielleicht das Tschechisch fehlt?" Es mag ihm durch den Kopf gehen und noch vieles mehr, woran er uns teilhaben lässt. "Im Dorf muss es einen Insider geben der mit den Dieben konspiriert, ganz sicher, denn sonst hätte das eine Motorrad so nicht geklaut werden können." Nun muss er aber los, es gibt eine Versammlung der „Bürgerstreife“, die man offiziell nicht „Bürgerwehr“ nennen darf. Heute hat der ansonsten geschlossene Gasthof geöffnet, ein Polizeiauto parkt davor, die Versammlung findet mit polizeilicher Beratung statt. Wir gehen daran vorbei, als wir auf dem Weg nach Neuzelle zum Abendessen sind. Als wir zurückkehren ist das Polizeiauto fort, doch eine forsche Dame, die sich als Bürgermeisterin vorstellt, ruft mich zurück. „Kommen Sie mal her, ich will mit Ihnen sprechen. Was machen Sie hier und warum schauen Sie sich die Grundstücke an und machen Notizen?“ Ich bin konsterniert und dann droht sie die Polizei zu rufen, nachdem ich ihr schlagfertig den Witz erzähle, dass ich gedenke nachher meine Freunde von der polnischen Mafia anzurufen, die in der Nacht alles leer räumen würden. Das Dorf hat einen unfrohen Geist und die Gemeinschaft ist eine des Misstrauens im unsicheren Gefühl von Stärke und Macht.

Wo sich der Staat zurückzieht, bahnt sich die Macht sonderbare Wege in die Köpfe dieser Menschen. Er lässt sie hilflos im Stich und hofiert sich sonderbarerweise selbst für die Stärkung des gemeinen Bürgersinns. Die nächtliche Streife in Lawitz streift Fragen und juristische Grauzonen. Mir ist nicht wohl. Am nächsten Morgen rufe ich bei der Touristeninformation in Neuzelle an und berichte von unseren Erfahrungen. Eine Anregung hatte ich weiterzugeben. Ob nicht die nächste Versammlung im Kloster unter kirchlicher Leitung stattfinden und der Lawitzer Gasthof geschlossen bleiben könne. Übrigens hat die Streife dazu geführt, dass die Kriminalität merklich zurückgegangen ist. Wir radeln weiter.

An Eisenhüttenstadt vorbei, durch Frankfurt durch, in Lebus nächtigend, wo sich ganz hervorragend direkt am Fluss speisen läßt. Weiter geht´s und wir kommen in die Nähe von Oderberg. Dort hatte ich wenige Tage zuvor ein Erlebnis. Mit einem Schiff von Stettin kommend erwarteten meine Gäste und ich eine Führung durch die Stadt, mit dabei eine Sopranistin und ein Organist. Der Mann, der uns führte, wirkte sehr rigide, geradezu im Jargon militärisch, so als würden wir zu einem Marsch durch den Ort vergattert werden. Auf ging es in seine Welt, die er überwiegend mit „das gibt es nicht mehr“ und „das ist kaputt“ umschrieb. Die Menschen von einst sterben aus und die jungen gehen weg und er ist noch da, und müsse erleben, wie „die“ alles bekommen. Wer sind „die“, fragte ein Gast. „Na, die Flüchtlinge“ kam zur Antwort. Schweigen und Fassungslosigkeit. Aber dann ging es in die Dorfkirche, die ein Schüler Schinkels hatte bauen lassen. Sie war vor einigen Jahren liebevoll rekonstruiert worden, auch wenn sogleich wieder die Mängel hervorgehoben wurden. "Die Gemeinde sei klein, nur ab und an finde eine Konfirmation statt, weitaus mehr würden die Jugendweihe bevorzugen." Wir saßen in den Kirchenbänken, der Gästeführer auf den Stufen unterhalb des Kreuzes mit dem Blick auf die Orgel. Und dort begann unser Organist zu spielen. Sie hatte einen warmen, schönen und besinnlichen Klang. Ihre Töne ließen träumen und schwelgen, die Gedanken spielen und schweifen. Und der Gästeführer war tief in sich versunken und begann zu weinen. Traurigkeit und Gebrochenheit legte die Musik frei und der Mensch zeigte sich. Sein inneres Wesen entlarvte den negativen Schein, zertrümmerte die dunkle Fassade. Er litt.

Schwedt ist die letzte Station, zu sehr drücken Regen und Termine, doch sicher ist, dass der Weg nach Stettin nicht mehr weit ist. Den erreichen wir etwas später. Bis bald und gerne wieder!

Kategorien: Ganz frisch!
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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