5. Tag: Grau ist die Stimme der Christina

5. Tag: Grau ist die Stimme der Christina
von Michael Sturm

5. Tag: Grau ist die Stimme der Christina

Grau ist die alles bestimmende Grundfarbe ausserhalb des Schiffes, Captain Wells erklärt, warum. Es sei ganz normal in diesem Streckenabschnitt. Trotzdem wünscht er einen „lovely day!“ Hinter der Keltischen See wird’s grau und ziemlich bewegt, der Seegang wird eben ruppiger. Auch das sei normal und nichts besonderes. Für uns schon, denn der Tenor muss passen wegen zu hohen Wellenganges und entsprechender Schiffsbewegung. Er laboriere an störenden Bewegungen in der Magengegend, man kann das auch Seekrankheit nennen. Kalaf kommt also morgen und die heutige Show lebt von der Kunst der Improvisation. Carina singt zweimal Puccini und zum Abschluss gibt es den langsamen Satz aus Dvoraks Neuer Welt als Toneinspielung in einer überaus gelungenen Neueinspielung unter Jos van Immerseel. Sehr zu empfehlen! Die Bühne ist in Dunkelheit getaucht, allein das Bild mit dem Mond über Manhattan als Großprojektion sorgt für romantische Empfindungen – passend zum Thema der Veranstaltung. Komponisten der alten Welt statten der Neuen Welt einen Besuch ab, was diesen stark in Erinnerung bleibt. Unter anderem sind Puccini, Rachmaninoff und Korngold zu hören – letzterer mit der Toneinspielung seiner Filmmusik „Die Abenteuer des Robin Hood“ – eine bemerkenswerte Tonsprache. Neu ausprobiert die Art des Vortrages: ich lese den deutschsprachigen Text, die englische Übersetzung wird in Power Point-Manier auf die Rückwand projiziert Kommt gut! Morgen werde ich jedoch einen anderen Weg wählen, ich mag Variationen.

Das Sprechen fällt immer schwerer, der Rachen kratzt, die Stimme ist ruiniert. Der archaische Urschrei in der Nacht zuvor hat Spuren hinterlassen auf den Stimmbändern, da hilft auch keine Einsingübung mehr mit Helena Zubanovich. Rieckhoff geht es ähnlich, hinzu kommt bei ihm allerdings das Krankheitssymptom, wie es der Tenor aufweist und nun kürzer treten muss. Tabletten helfen wenig, man ergibt sich seinem Schicksal. Am Nachmittag stellen wir dennoch die Oper „Christina, Königin von Schweden“ vor, der Komponist heißt Jacobo Foroni. Ein Wundererwerk, das in den mittleren Verdi-Jahren entstand, in Stockholm einmal aufgeführt wurde und dann in der Schublade verschwand. Seit der Wiederentdeckung in Wexford vor drei Jahren ist es in aller Munde, doch nur ein deutsches Theater hat angebissen und wird für die deutsche Erstaufführung sorgen: das Staatstheater Oldenburg. Stefan und ich präsentieren Werk und Bühnenmodellfotos, die Neugier des Zuhörer ist entfacht. Auf geht´s nach Oldenburg.

Über Bord ist noch niemand, alles in bester Ordnung – entspannend ist es allemal. Hinzu kommt, dass der Tag nun 25 Stunden hat – das hat Auswirkungen auf Gemüt und Handlung. Morgen mehr dazu, Gute Nacht aus der wundervollen Atlantikwelt des Captain Wells. Lovely Night!

Nachtrag: Das Schiff ist eigens für die Atlantiküberquerung konzipiert worden, heißt, dass man es locker mit den Wellen aufnimmt. Und in der Tat, wenn man inmitten des Schiffes sitzt, bekommt man vom Heben und Senken kaum etwas mit. Nur diejenigen ganz vorne und hinten spüren die gnadenlose Kraft der Schaukel, zur Seite neigt sich gar nichts – das verhindern sogenannte Stabilisatoren, die seitlich ausgefahren werden. Im Model meines Sohnes konnte ich sie in Augenschein nehmen, in Natura wäre es dagegen zumindest mühsam. Ach, noch etwas: Nationalitäten an Bord: 42 unter den Gästen und 65 unter der Crew – ein friedliches Miteinander auf dem Schiff, das zur Welt erklärt werden sollte.

Kategorien: Opernkreuzfahrt
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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