7. Tag: Meeresstille und glückliche Überfahrt

7. Tag: Meeresstille und glückliche Überfahrt
von Michael Sturm

7. Tag: Meeresstille und glückliche Überfahrt

Es ist wieder sehr früh am Morgen, das Schiff schläft, es gleitet dahin, kaum ein spürbares Rekeln von Bug nach Heck, von Steuerbord nach Backbord, so als wolle das Meer unser Schiff sanft auf Händen tragen. Es sind 4 Stunden, die uns trennen von Europa, morgen werden es schon 5 sein. In wenigen Minuten wird sich der Horizont in einem rot orangenen Streifen bemerkbar machen und die Sonne ankündigen, Aurora zeigt sich von ihrer erhabensten Seite. Der Blick auf das Meer ist voller Anmut, der Blick zum Himmel voller Schönheit, nie sah ich die Sterne so klar, außer vielleicht einmal in der Wüste. Die Zeit verliert sich im Zusammenspiel der Elemente, Zeit hat eine überschätzte Bedeutung. Das Jetzt ist wundervoll. Die Stimmen zu Meeresstille und glückliche Überfahrt sind ein Cello, eine Oboe, ein Klavier, eine Violine über die Lautsprecher im Kings Court. Ein einzigartiges Konzert im Zusammenspiel mit einem Kaffee und dem Blick hinaus. Alles ist so voller Ruhe und Frieden. Als Kind dürfte man sich wünschen, dass alle Herrscher dieser Welt auf dieser Arche Noah reisten: Lösungen für die Probleme der Welt finden sich ganz von selbst und wer weiß, vielleicht wird es sogar eine kürzere Fahrt als vorher angenommen. Nur, wer mag so früh schon an Land gehen wollen?

Die Sonne sendet ihre Strahlen und die Arche Maria 2 beginnt zu leben. Das heutige Programm steht unter dem Motto „Ausgewandert“, wir erinnern musikalisch an Paul Abraham, an Kurt Weill, Hans Eisler, stellvertretend für die vielen, die vor den Nazis nach Amerika flohen. Wir erinnern an die großen Namen der Unterhaltung, die uns verließen und bis heute eine spürbare Lücke hinterließen. Ich muss an Paul Abraham denken, den Megastar der Berliner Operette bis 1933, der nach New York auswanderte und keinen Fuß zwischen die Türen der Broadway-Direktoren bekam. Sein Stil war mit dem Jazz nicht kompatibel und er wollte und mochte ihn auch nicht. In geistiger Umnachtung stand er eines Tages auf dem Times Square und dirigierte mit einem Taktstock den Autoverkehr. Von dort ging es direkt in die Psychiatrie. Er liegt heute auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf. Freunde brachten den vom Leben erschöpften und verarmten Abraham noch zu seinen Lebzeit nach Europa zurück.

Unsere Veranstaltungen werden immer besser besucht, die Einführung in den Trovatore war ausgebucht, kein Platz mehr zu finden. Beglückend.

Das Wetter wechselt übrigens von Stunde zu Stunde: am Morgen der verheißungsvolle Sonnentag, drei Stunden später eine Nebelbank für 5 Stunden, danach bewölkt bis bedeckt, steife Brise. Am Abend wieder Ruhe. Temperaturen wechseln am Tag von unter 10 Grad bis gefühlten 16 und höher, bis schlagartig zur Rolle rückwärts auf 8 Grad. Dennoch in New York ist noch Sommer, liegt es doch auf der Höhe von Neapel …

 

Die Sonne sprach: O Mond, ich wende
Der lieben Erde nun mich ab
Und lasse dich zurück; o spende
Ihr alles das, was ich nicht gab.
Ich gab ihr die Erregung
Des Lichtes und der Lust,
Verleih‘ ihr nun die Hegung
Des Glücks in stiller Brust.

Wo sengend trafen meine Strahle
Darauf geuß einen Tropfen Tau,
Und was durch mich gewelkt im Thale,
Das zu erfrischen atme lau.
Und was ich den Gedanken
Nicht zeigen durft‘ im Raum,
Das laß der Seele Ranken
Umfahn in duft’gem Traum.

Und wenn ich kehr‘ am Morgen wieder,
Will ich mich deiner Hilfe freun;
Gelabte Schläfer werden Lieder,
Erwachte Blumen Weihrauch streun.
Jedwede Knosp‘ am Baume,
Von dir gepflegt, gedeiht,
Und was du gabst im Traume,
Mach‘ ich zur Wirklichkeit.

Friedrich Rückert (1788 – 1866)

 

Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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