Himmel über Norwegen - Teil 4

Wohin?
von Michael Sturm

Himmel über Norwegen - Teil 4

Der Fløyen ist nicht gerade hoch mit seinen knapp 300 Metern über dem Meeresspiegel. Es gibt protzigeres, höheres und markanteres und doch fühlt man sich erhaben genug hinunterzuschauen, um in der Ferne das offene Meer und in der Nähe die Stadt Bergen aus der Perspektive eines Vogels zu sehen. Und der Vogel fliegt hoch und schaut gerade noch so weit empor, wie es für ihn noch zu fliegen geht, wo die Nahrung auf der Erde noch zu erreichen ist. Und der Mensch mit seinen Augen schaut dorthin, wo die Unendlichkeit beginnt, die seine Nahrung der Sehnsucht und des geglaubten Heils gleichermaßen ist. Wer frei fliegt und die Gewissheit hat nicht zu verhungern, lebt ohne Angst und ohne Zeit, im Frieden.

Das finale Amen der Menschen in Händels Messias zwischen Leben und Tod, zwischen Passion und Auferstehung, zwischen Dogmatik und Gott. Es ist wie eine berührende und versöhnliche Antwort auf die herausfordernd krasse aber ebenso berührende Boheme Herheims. Bergens szenischer Messias lebt durch seine Klarheit und Spritualität, durch seine Reduziertheit auf den Kern des Seins, durch seine Poesie der Zeitlosigkeit. Der Weg bahnt sich durch dunkle Welten zwischen weiß und schwarz, bis die Farben nach der Passion das befreite Indivuum erreichen. Licht und Farben, der Himmel strahlt blau, wie jeder wolkenloser Himmel, der Weg ist frei dorthin, wo der Vogel nicht höher kann und der Weg des Menschen beginnt. Der Messias von Bergen ist grandios und wunderbar und ein idealer Bogen zur Boheme Oslos.

Ich muss an Jiří Bělohlávek denken, der wenige Tage zuvor nach langem Leiden starb. Er war ein großartiger Dirigent und Mensch, wir hatten einst zusammengearbeitet und uns danach nie aus den Augen verloren, uns immer wieder getroffen, um über Leben und Musik zu sprechen. Der Tod wollte ihn unnachgiebig und er verheimlichte nicht seine Wunden im Kampf mit ihm. Über seinem Sarg im Prager Rudolfinum hing ein großes Foto mit seinem lächelnden Gesicht, voller Ruhe und Frieden, ja, auch voller Gewissheit, sichtbar gezeichnet, denn ohne Haare auf dem Haupt.

Und Charlie - das Leben. Er zaubert technisch virtuos auf den Tasten, improvisiert nach alter Manier und pflegt äusserst sympathisch die Konversation mit den Zuhörern. Neben dem Flügel steht nämlich einsam an der Rampe ein Mikrophon, das immer auf ihn wartet, wenn er mal nicht über die Tasten gleitet. Er spricht sehr pointiert und mit Ironie über das Werk und sich selbst, lädt zum Dialog ein und lässt sich dabei mit Tonarten bombardieren, die dann in der Improvisation prägnant auftauchen. Ich bin auch vertreten und steuere c-moll bei. Sehr schön, mitgewirkt zu haben. Tatsächlich erinnert sein Gebahren an die Virtuosenkonzerte vergangener Zeiten. Auch Franz Liszt kommunizierte gerne, ebenso Paganini, Chopin, wenn es nicht anders ging. Das Entertainment kehrt zurück, es ist auflockernd und lebendig, es macht Spaß - auch das darf die seriöse Kunst. Charlie, mit Hauptnamen heißt er Albright - den sollte man sich merken. Ein himmlisches Vergnügen.

 

Einem Komponisten ins Stammbuch

Geist im Tier und Brand im Steine
Weckte Orpheus Spiel, das reine.

Steine gibt's hier allerorten,
Auch von Tieren manche Sorten.

Spiel', daß Glut aus Steinen dringt,
Und das Tierfell rasselnd springt!

Henrik Ibsen

Und eine einzartige Reise mit PALCO REALE und seinen Gästen!

 

 

 

Kategorien: Norwegen
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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