Mozart meets Che - 1

das Leben ist unpoliert
von Michael Sturm

Mozart meets Che - 1

Das Leben beginnt kurz nach dem Flughafen. Welches eigentlich, das Vergangene? Zumindest das ohne grelle Werbeschilder, die einen nötigen wollen vom Betrachter zum Käufer zu werden. Hier gibt es keine Werbung, keine herunter gekühlten Supermärkte, kein Überangebot einer festgelegten und durchkalkulierten Sortimentsmonotonie, keine Diktatur der Massenlabels. Nein, hier herrschen andere Farben und Formeln. Zum Beispiel die der Oldtimer amerikanischer Prägung. Sie sind Statussymbol und Lebenssinn zugleich, sie stehen nicht in einer Museumshalle, sondern rollen auf musealen Strassen, transportieren als Taxen Menschen von A nach B oder von B nach A, wenn nicht C dazwischen kommt. C ist eine Abweichung von der Strecke, immerhin eine lebensnotwendige. Denn die Backstube ums Eck verkauft gerade Brot und da heißt es schnell zuzugreifen, bevor das Angebot schwindet und aus dem Überangebot eine Mangelwirtschaft wird. Eigentlich will der Taxifahrer nach geglücktem Einkauf weiter nach A reisen, doch da erhält er einen wichtigen Anruf über sein stolzes Samsung-Telefon: im Laden ums andere Eck auf der gegenüberliegenden Seite gibt es gerade auch den passenden Aufstrich zum Brot, also nicht wie hin. Die Schlange ist lang, doch die Zeit ist da und Gleichgesinnte treffen auf Menschen im Wartestand, man tröstet sich über die Last hinweg. Käse also und Butter noch dazu, Feiertagsstimmung kommt auf, zumal heute auch das Geld für die teuren Milchprodukte ausreicht. Zurück nach A. Der Oldtimer ist ein Dodge, Baujahr 1953. Nur wenige Teile sind noch original, zu hoch war der Verschleiß der vielen Jahre. Ersatzteile tauscht oder baut man selbst, in der Lieblingsfarbe wird lackiert, die Armaturen werden gewienert und der Stolz ist groß auf das schnaufende Gefährt in schreiendem Pink oder kreischendem Gelb. Stolz kann man auch sein, denn erfolgreich hat man dem Embargo getrotzt und feiert die alte Zeit, die jeden Schrottplatz müde belächelt. Eine Tour kostet unmerklich weniger als bei mir in Berlin, es ist also recht teuer für die Kubaner in Havanna so unterwegs zu sein. Die Lackierten sind demnach die gehobenen und gerne von Touristen frequentierten, die matten blechernden Hungerleider ohne Politur hingegen sind überwiegend belegt von Einheimischen, man zahlt entsprechend auch im kubanischen Pesos. Wer das wahre Leben in Havanna sucht, der steigt also ins Unpolierte. Da ist man in bunter und lustiger Gesellschaft, man reist selten allein. Das Taxi stoppt an Bushaltestellen wie ein Autubus im Linienverkehr, und das höchst offiziell, denn die geringe Anzahl von Bussen reicht nicht aus den Bedarf nach Mobilität zu decken - schliesslich ist C wichtiger als A oder B.

Kategorien: Kuba
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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