4. Tag: Gollum an Bord?

4. Tag: Gollum an Bord?
von Michael Sturm

4. Tag: Gollum an Bord?

Der heutige Tag, der erste auf hoher See, wir sind im Atlantik angekommen. Cornwall liegt schon weit hinter uns und die irische Küste ist jüngste Vergangenheit. Das Meer hat nun Kraft und Bewegung, unter dem Schiff abgründige Tiefe. Außentemperatur 16 Grad, das Wasser 14 – ich muss es glauben, konnte es nicht testen, zu viel zu tun. Windgeschwindigkeit zwischen 7 und 8, die Sonne zeigt sich am Vormittag. An Deck eingehüllt in Wolldecken einige Unentwegte auf Liegestühlen – wieder in Gedanken beim Tristan von der Berghaus. Die Natur ist in Bewegung und unser Schiff liegt leicht darauf und zieht ruhig seine Bahn ohne scheinbar davon Kenntnis zu nehmen. Das Heben und Senken lässt sich an der Heck-Reling erkennen, spürbar ist es hingegen kaum. Es darf gerne so bleiben, auch wenn Pflaster und Pillen gegen Seekrankheit griffbereit liegen.

Ich hatte die letzte Nacht Besuch, zumindest in den Träumen. Wer es war und was passierte lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, doch der Angriff war heftig. Und ich begann mich zu wehren und schrie recht laut in die Nacht hinein. Mein Zimmergenosse Stefan stieg nun seinerseits in den Traum mit ein und schrie ebenfalls nach Leibeskräften, wovon ich dann wiederum wach wurde und inmitten der Kabine stand. Nur langsam kam ich dahinter, dass ich auf der Queen Mary 2 war und das eben das die Wirklichkeit war. Das Resultat des nächtlichen Grusels: Stefan und ich sind heiser gebrüllt und können kaum sprechen. Tatsache. Doch wer zum Teufel ist der Schuldige? Ich hege einen Verdacht: Es war Gollum aus Southampton, der sich an Bord geschlichen hatte und den Gruselschocker auslöste. Beschwerden wegen nächtlicher Ruhestörung wurden später nicht gemeldet.

Am Vormittag die erste zweisprachige Vorstellung. Das Team wird vorgestellt, jeder singt einen Teil oder spricht wie Stefan Rieckhoff einige Worte. Etwas Vita, etwas Geschichte – nach der Schulstundentaktung von 45 Minuten ist alles erfolgreich erledigt. Das englischsprachige Publikum kehrt wenige Stunden später zurück ins Auditorium anlässlich der zweiten Veranstaltung des Tages: der Fortsetzung der Meisterklasse Gesang, Musik und Szene. Wieder Fidelio, hat Spaß gemacht: alle werden besser, Resonanz üppig.

Am Abend formal: heißt Smoking, Abendkleider. 007-Look: gefällt mir! Wo ist Bond? Die Stimmung jedenfalls klasse, Künstler (nicht alle!) und PALCO-Gäste an einem Tisch, zu Abendessen und “Nachbereitung“ im Chart Room…

Gute Nacht!

Kategorien: Opernkreuzfahrt
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

Neuen Kommentar hinzufügen