11. Tag: Otello am Abend

11. Tag: Otello am Abend
von Michael Sturm

11. Tag: Otello am Abend

Autohupen aus der Ferne, Polizeisirenen von der nahen Seitenstraße, eine Trillerpfeife vor dem Fenster, ein Presslufthammer von weit her, die Sirene eines Krankenwagens hinter entfernten Häusertürmen, ein Rauschen, ein Flirren, mal grelle, mal sanfte Geräusche, hier ein Hupen, dort ein Fluchen, dazwischen wie als Herzschlag der mittelhohe Signalton einer sich öffnenden Ladefläche eines Kleintransporters oder Baukrans, der gerade Lasten zieht. Wer weiss das schon, man hört es nur als Trommelschlag des Unwirklichen. Grelle schlagende Farbenvielfalt in rasantem Wechsel, verschwommen im braunen Dunst feuchtwarmer Dämmerung. Dickicht, Dschungel. Und darin die Erschaffer des modernen Klanggemäldes: schnell, getrieben, immer im Fokus die Uhr und das Pensum, Ruhe ist der Tod, die Sehnsucht nach Ruhe wenigstens die Zwischenstation im ewigen Grand Central: in welchen Zug steige ich? Nein, ich bleibe, ist ja Droge.
Die Highline ruft und ums Eck gibt es den besten Latte Macchiato im District. Lange unterwegs, doch dann weiter zum 9/11, er ist fertig, der Tower Number One, das One World Trade Center. 1776 Fuß hoch bis in die Spitze, 1776 das Jahr der Unabhängigkeit. Es ragt in den Himmel, es ist wunderschön anzusehen, es hat gelungene Anspielungen an den Vorgängerbau, dezent, licht und hell, transparent, fest und doch zerbrechlich, wie die Welt, nur nicht rund. Ein Blick zurück, ein Blick hinunter, das Wasser fließt hinab in die Unendlichkeit, so wie das Wissen und die Trauer um die Toten vom 11.September nie verblassen wird. Der Brunnen ist gewaltig und die Tränen fließen ins Unendliche. Die Namen der Opfer umrahmen den Grundriss der nicht mehr vorhandenen Türme, Schmerz und Trauer, berührend, sehr sogar. Ein würdiger Ort, für den sich eigentlich keine Worte finden lassen. Am Nachmittag im Central Park, ein wunderbares altes Kinderkarussel, viele Kinder darauf, es ist warm. Auf der großen freien Wiese vertreute Menschenpaare, die Sonne und den späten Sommer genießend. Am Abend Otello, die MET ist dran. Sonya Yoncheva als Desdemona fantastisch, das Orchester gut gelaunt, die Inszenierung eine stehende Angelegenheit, Wände fahren dafür, wie im Auge des Sturms, trotz Sturmchor zu Beginn; gnadenlos die Klimaanlage. Ein abwechslungsreicher, kräftezehrendet erster Tag in Big Apple, etwas schüttelfrostig ins Bett. Zu viele Impressionen? Nach Tagen zwischen Himmel und Meer wirkt die Welt krasser als sie vielleicht ist. Man wurde entschleunigt und entwöhnt, nun muss man sich wieder gewöhnen. Harte Schule!

Kategorien: Opernkreuzfahrt
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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