Mit Mozart im Kulturcafé

Das Kulturcafé
von Michael Sturm

Mit Mozart im Kulturcafé

Mozart kam nie nach Havanna, doch wenn er es gekannt hätte, wären Wien und Salzburg sicher passé gewesen. Die Klänge der Karibik und die Rhythmen der Lebenslust hätten es ihm angetan, ebenso die stets angenehmen Wintertemperaturen. Der Gesundheit von Frau Konstanze wäre es zuträglicher gewesen und entschieden preiswerter ergangen ohne kostspielige Kuraufenthalte, seine Kinder wären in eine staatliche Schuluniform gesteckt worden und er selbst hätte dann und wann mit Che eine Zigarre geraucht. Che ritt gerne in den Bergen und Mozart selbst war in Wien vor dem Stubentor auch gut zu Pferd unterwegs, beste Voraussetzungen also für einen gemeinsamen Ausritt. Che las Goethe und Mozart „Warum das Volk Kaiser Joseph nicht liebt“. Mozart erlebte einen aufgeklärten Absolutismus mit einigen kaiserlichen Schönheitsfehlern und Che entledigte sich im Kampf erfolgreich eines Diktatoren, um etwas Neues zu probieren. "Ein wahrer Revolutionär wird von großen Gefühlen der Liebe geleitet.", Mozart hätte keine Einwände gehabt. Bei den Gesprächen wäre ich gerne dabei gewesen, wenn es denn zeitlich gepasst hätte. Doch nun, leider verspätet, ist Mozart doch noch auf der Insel angekommen und wir reisen ihm hinterher. Zu Besuch bei Che waren wir ja schon.

Es gibt seit knapp zehn Jahren eine Büste des Salzburger Komponisten in Havannas Altstadt, darüber hinaus eine Initiative des Büros des „Historiador de La Habana“, dem „Instituto Superior de Arte“ (ISA), der wichtigsten kubanischen Institution für die musikalische Ausbildung in Kuba und der Universität Mozarteum Salzburg für das „Lyceum Mozartiano de La Habana“. Finanziell unterstützt übrigens auch durch Fördergelder der EU. Junge Kubaner musizieren dort klassisch, sie sind begeistert und begeistern sehr. Ihr Leitbild ist der Komponist höchst selbst - welch ein Fest. Und Feste werden gefeiert, wenn Sinfonien, Messen, Opern, Kammer-und Instrumentalkonzerte  auf der Insel erstmals öffentlich zur Aufführung kommen. Regiekollege Andreas Baesler versorgte übrigens vor wenigen Jahren das einheimische Publikum mit der Zauberflöte als tatsächliche kubanische Erstaufführung, der Erfolg soll grenzenlos gewesen sein. Und weiteres folgte. So kam auch der großartige Thomas Hengelbrock. Er und seine Crew fingen durch die Arbeit mit den jungen Musikern derartig Feuer, dass der Eindruck entstand, der Maestro würde die Insel gar nicht mehr verlassen wollen. Gut, dass er nicht verbrannte und zurückkehrte. „Ich kam als Lehrer und ging als Freund“, so sein Statement nach Beethovens Erioca. Die Insel mit ihren Menschen infiziert eben und die Sehnsucht bleibt übrig.

Wir konnten uns einen Eindruck von dieser Arbeit verschaffen, denn Fotograf Sven Creutzmann und Kameramann Jochen Beckmann luden in ihr „Kulturcafé“ in einem Villenvorort von Havanna. Das Café wartet noch auf seine offizielle Eröffnung, doch wir waren schon mal da und genossen die besondere Atmosphäre bei kubanischen Leckereien und Getränken, bei Fotos, Film und kubanischen Rhythmen mit Klavier und Gesang. Jochen und Sven nennen ihre Heimat Kuba, sie sind lange dort, haben Familien gegründet und viel zu erzählen von sich und ihrer nun nicht mehr ganz so neuen Welt. Von einer Welt, die mir nicht erst seit diesem Abend immer näher kommt. Ihre Foto-und Filmreportagen erzählen tiefgründige menschliche Geschichten, darunter auch die der "Befeuerung" von Thomas Hengelbrock. Ein einzartiges Dokument einer stürmischen Liebeserklärung. Mit den filmischen Eindrücken von Wagners Fliegendem Holländer, als kubanischem Erstling, segeln wir spät am Abend stadteinwärts ins Hotel zurück. 

"Johohoe! Johohohoe!
Hojohohoe! Hoe! Hoe! Hoe!
Huissa!
Nach dem Land treibt der Sturm, -
Huissa!"

Bewegt und befeuert, angekommen

....und sehr zufrieden mit der Welt.  

 

PS: was ich nicht verschweigen möchte, ist die Tatsache, dass es noch einen weiteren Höhepunkt unserer Reise gab. Sehr umjubelt von den Gästen, ich kam leider zu spät, was jedoch nicht weiter ins Gewicht fällt. Doch der Reihe nach. In der Altstadt von Havanna gibt es das oben erwähnte Stadthistorikerbüro mit dem Namen „Historiador de La Habana“, wo alle Entwürfe, Planungen und Finanzen für den Wiederaufbau der historischen Altstadt zusammenlaufen. Alles, was rekonstruierte Fassaden zum schmucken Leuchten bringt, läuft über dieses einflussreiche Schnittstelle. So auch die Steuern der noch jungen Restaurants, der kleinen Geschäfte und Casa Particulares, sie landen dort und werden direkt weiterverwendet für weitere rekonstruktive Baumaßnahmen. Das Büro verwaltet den gesamten Bezirk und arbeitet nach einem städtebaulichen Masterplan, bei dem auch kulturelle Einrichtungen bedacht werden. Es gibt Gallerien, Museen und Aufführungsorte für Konzerte, Oper und Tanztheater. Und bei "Danza Retazos" waren wir zu Gast. Die Tanzcompany hat eine kleine Bühne mit Zuschauerraum, sie ist technisch gut ausgestattet, auch wenn "mehr" immer möglich bis gewünscht ist. Bekannt ist die Truppe und sehr begehrt. Der Tanz hat auf Kuba schließlich eine lange und vielseitige Tradition. Ihr Tanz war eine Urkraft von höchstem ästhetischen Niveau. Männer und Frauen, Koffer und Konflikte, eine Reise mit Abschied und Ankommen, die Musik eine rhythmische Collage der Gegenwart. Sehr präsent und berührend. Und spannend! Warum nur fand ich nicht den nächsten Weg?

 

Kategorien: Kuba
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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