Das letzte Wort mit Hemingway

Cojímar und die Büste Ernest Hemingways
von Michael Sturm

Das letzte Wort mit Hemingway

Es ist nicht einfach umzuschalten nach den hochemotionalen Momenten im Oratorio, doch wir sammeln unsere Gedanken und brechen auf zur letzten Unternehmung dieser Reise. Sie schließt den Bogen und trägt den Namen Ernest Hemingway und führt zur Finca Vigia, seiner Villa vor den Toren der Stadt Havanna. Es sieht so aus, als wäre der Autor gerade nicht im Hause, sondern in seiner Stammbar „La Terazas“ in Cojímar beim Schreiben und Trinken. Das Haus erzählt viele Geschichten von geleerten Flaschen, erlegtem Wild und beanspruchten Matratzen, von gelesenen Zeitungen und Büchern, von Kollegen, die gerne gekommen wären, aber nicht eintreten durften, von einer Schreibmaschine im Turm und einem leeren Blatt Papier. Vielleicht ist Hemingway aber auch nach Havanna aufgebrochen, um mit Spencer Tracy und Mary im „Floridita“ das Leben mit vielen Mojitos zu feiern. Wer weiß das schon. Wir schauen uns jedenfalls um, genauer gesagt hinein durch die geöffneten Fenster. Niemand ist da, oder doch? Moment! Schaute nicht gerade Harry Morgan vorbei? Vielleicht war es der Mojito, der mich verwirrte oder die Nachwirkungen des mozärtlichen Vormittags im Lyceums. Wie auch immer.

 

Am Ende schauen wir hinaus aufs Meer. Wir sitzen im Rondell auf den Stufen vor der Büste von Ernest Hemingway. Er bekrönt den Ort und schaut selbst hinaus, so als suchte er den alten Mann, der ohne den Jungen zum Fischen fuhr, den größten Fisch seines Lebens fing, ihn nicht bergen konnte und zusehen musste, wie das Naturgesetz zuschlug und sich gnadenlos an seiner Beute verging. Haie hatten die Fährte aufgenommen und bedienten sich am frischen noch blutenden Kadaver längsseits des Bootes. Hätte er doch den Jungen dabei gehabt, sprach er immer wieder wie ein Stoßgebet. Und als hätte ihn jemand erhört, findet er zur eigenen Jugend zurück, um mit letzten Kräften und zermanschter Hand den ersten angreifenden Hai mit seiner Harpune zu erledigen. Ein gemarterter Fisch, ein getöteter Hai als wertlose Trophäen für den geschundenen Alten, der es schaffte zum Löwen zu werden, um den Jungen von Cojímar wieder zu sehen.

 

Was als Lesung auf dem Katamaran vor Varadero für uns begann, schließt nun im Fischerdorf von Cojímar, unweit der Teraza, wo Hemingway schrieb und trank und mit Fischern quatschte. Einer von ihnen war Gregorio Fuentes, der „alte Mann“, der es immerhin schaffte 30 Jahre älter zu werden als sein Freund Ernest. Die Büste des Nobelpreisträgers übrigens ist eine Tat der Fischer von Cojímar, denn „el papá“, wie sie den Dichter nannten, zu liebe schmolzen sie ihre Angelhaken und Ketten ein. So blickt er hinaus, wie die Zuhörer mit ihm, die den letzten Worten des Vorlesers lauschen:

 

„Der alte Mann oben in seiner Hütte schlief wieder. Er schlief immer noch auf seinem Gesicht, und der Junge saß neben ihm und gab auf ihn Acht. Der alte Mann träumte von den Löwen“

 

 

 

Kategorien: Kuba
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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