Eisberg in Norwegen - Teil 2

Operean!
von Michael Sturm

Eisberg in Norwegen - Teil 2

Es gibt ein Linienfährschiff, das täglich von der Förde zum Fjord tourt. Gegen 14 Uhr legt die behagliche Grossraumfähre von Kiel ab und legt pünktlich gegen 10 Uhr am folgenden Tag in Oslo an. Denke ich an Autofähre habe ich sofort ölige Gerüche in der Nase, doch nichts davon an Bord. Auch keine Dieselpfützen oder kalte Brisen, denen man nicht entfliehen kann. Das Ungemach an Kraftfahrzeugen ruht stumm und verschlossen im Schlund der Fähre, während sich Stockwerke höher Kreuzfahrtfeeling breitmacht. Die Kabinen sind geräumig und geschmackvoll eingerichtetet und im Gourmet-Restaurant mundet es am Abend vorzüglich bei ausgezeichnetem Service. Eine Appetit machende farbige Linie, die Color Line.

Vorbei an den Kanonen der Oscarsborg, voraus zum Opern-Eisberg als Finalpunkt des Oslofjords, am Abend La Boheme nach Vigeland und etwas Munch. Stefan Herheims Puccini ist extrem aufwühlend, drastisch in der Lesart, fremd und doch unmittelbar am Leben, denn der Tod ist hier nicht allein das Thema Mimis und der Hinterbliebenen - er ist das Thema aller. Unsere westliche Gesellschaft preist die Illusion eines ewigen Lebens, sie powert werbewirksam zwischen Schönheitsfarm und Stammzellenforschung, zwischen Wingsiut-Fliegen und Eistauchen. Kriege sind Kinderspiele und Krankheiten werden so locker überwunden wie Mückenstiche. Das Leben feiert Feste und der Tod bleibt vor der Tür. Von wegen! Hier benutzt er viele Verkleidungen und Verstellungen, hier in der Klinik der unweigerlich Sterbenden. Er ist Benoit und Alcindor, Tambourmajor und ein Arzt, der auf der Geige spielt und die Kranken den Totentanz feiern lässt. Und der Tenor singt so schön, weil er weiß, dass es kein Entrinnen gibt. Es lebe das wahre Leben. Hochklassig. Kontrovers. Viele lebendige Diskussionen. Grossartig.

Am Tag darauf geht es hoch hinauf in die Bergwelt der vereisten Seen und kargen Landschaften. Hinter uns liegt das saftige Grün eines scheinbar nicht enden wollenden Frühlings. Die Bergen-Bahn stoppt hier und da, ein längerer Ausstieg kommt nicht in den Sinn, birgt er doch die Gefahr, den wiederum vor uns liegenden Frühling zu verpassen.

Kategorien: Norwegen
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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