Wexford - von Regisseur und Werk

der Deckel
von Michael Sturm

Wexford - von Regisseur und Werk

Die große Partitur liegt geöffnet auf dem Tisch. Sie ist wichtig für mich, denn ich muss genau lesen und verstehen können, was Jacopo Foroni, der Komponist der Oper "Margherita" tatsächlich musikalisch wollte. Eine CD-Einspielung gibt es nicht, nur eine zum Studium mit einem singenden Pianisten, der alle Partien glorreich und gleichzeitig zu singen versucht. Ich lese in dem dicken roten Buch, das sich Dirigierpartitur nennt. Das Durchblättern einer Paritur ist für mich das Schauen ins Uhrwerk Gottes - verstehen und bewundern lässt sich das Konstrukt, bestaunen das, was als Geheimnis unerklärbar bleibt. Ich lese und speichere ab, denn tatsächlich besitze ich die Gabe mir Partiturseiten fotographisch merken zu können, was mir bei Klavierauszugsseiten seltsamerweise überhaupt nicht gelingt. Wäre ich ein Dirigent, wäre diese Fähigkeit hilfreich, als Regisseur kann ich damit kaum etwas anfangen, ausser mich dem Staunen und der Ehrfurcht hinzugeben.

Ich stelle mir viele Fragen, wenn ich lese und analysiere. Warum schreibt der Komponist so und nicht anders, welche Tonart wählt er, welche Phrasierung bei einem Affekt wie des Hasses, des Zornes, des Jubilierens. Gefühlsmomente in Töne und Worte gefasst. Meist kommt das Wort zuerst, das Libretto, der Text als Basis für die Oper, danach schreibt der Komponist die Musik darauf, lässt sich inspirieren vom Klang der Worte, ihren Silben und Vokalen. Er taucht ab in eine Welt des großen Inhaltes und spürt bewusst und unbewusst sich selbst im Drama. Der Komponist schlägt mit seinem Werk die Seele seiner Interpreten. Und das bin ich als Regisseur. So, wie es auch der Dirigent, der Sänger und der Instrumentalist ist. Wir alle interpretieren, suchen die Wahrheit im Unfassbaren, im Geheimnis hinter dem göttlichen Uhrwerk. Es fasziniert mich immer wieder von Neuem und ich erschaffe Bilder, erwecke sie zu Leben mit meinen Sängern und meinem Bühnen-und Kostümbildner. So einfach, so schön, aber auch so schwer.

Margherita kennt keine Vorbilder, doch Nachbilder soll es geben. Und daran arbeite ich zur Zeit und in Wexford wird das Kind im Oktober entbunden werden. Jedes Werk ist für mich ein Baby, das erwachen und erwachsen wird, es wird irgendwann im Arbeitsprozess das eigenständige Laufen erlernen und sich befreit bewegen können, denn in der Freiheit blüht es auf, wenn Korsett, Gerüst und Gedanken sich in den Hintergrund zurückziehen.

In Wexford wird es bald soweit sein. Und PALCO REALE ist dabei. Wexford ist ein guter Ort für Entbindungen.

Wer möchte denn schon jetzt ein Bild sehen?

Kategorien: Wexford
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

Neuen Kommentar schreiben