Finale in Wexford

Foto: Clive Barda
von Michael Sturm

Finale in Wexford

Es wurde dramatisch. Hurrikan Ophelia näherte sich der Südküste Irlands und die Menschen verkrochen sich in ihre Nester. Niemand auf der Strasse, alle Geschäfte dicht, selbst Simmons Place war verbarrikadiert, also kein Pint am Abend. Am Wasser war nichts los, kaum Wellen in der Bay, so viel Wind um einen Sturm. Der Weg hinauf ins Cottage zeigte aber, dass der echte Sturm mächtig von vorne blies und den Sturm zum Stillstand brachte. Beglückt und abgekämpft öffnete ich die Tür, schloss sie schnell hinter mir, meine Lieben warteten schon. Am Tag darauf die öffentliche Generalprobe von "Margherita". Ophelia blies das Licht aus und so erlebten alle Beteiligten einen Schwarz-Weiss-Film auf der Bühne: schwarz waren die Schatten, weiss das spärliche Arbeitslicht von oben. Die Schatten waren die Solisten, ihre Schemen hoben sich dezent von der blassen Helligkeit ab, Gesichter gab es keine zu erkennen, man musste schon sehr aufmerksam sein, um zu entdecken, wer denn tatsächlich zu singen hatte. Dem Publikum gefiel das Bizarre scheinbar sehr, den Aktiven weitaus weniger. Daumen drücken für die Premiere war angesagt.

Und die fand dann tatsächlich im regulär statt, bis auf einiges Flackern ab und an - dem Generator hinter dem Theater sei Dank. Er arbeitete mit ganzer Kraft für den Erfolg des Festivals und der grosse Schlussapplaus galt auch ihm.

Die Derniere war ein Wunderwerk. Szene und Musik aus einem Guss. Vieles hatte sich sehr gut entwickelt und eingespielt, das Dirigat sehr fein und facettenreich, die Sänger unbeschwert und leicht im Spiel, der Chor ein Genuss. Beim grossen Duett im zweiten Akt ergab sich eine Feuerpause, der Alarm war laut, der Sprung vor die Theatertür kalt aber lustig. Herzliche Umarmungen am Schluss, eine besondere Zeit fand ihren Abschluss mit einer einzigartigen Note. Die Feier mit Freunden erlebte ich nach aussen still, aber mit grosser innerer Freude.

Tags darauf ging es mit der Fähre und mit Leihwagen von Wales nach London, von da am Tag danach mit dem Zug nach Deutschland zurück. Schön war unser Wexforder Nest, auch weil Raphael Maria Seamus an die Tür klopfte und wir ihn seither lieben und hegen. Wir werden zurückkehren, soviel ist sicher!

Kategorien: Wexford
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor

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