6. Tag: Alma, Gustav und die Tektonik

6. Tag: Alma, Gustav und die Tektonik
von Michael Sturm

6. Tag: Alma, Gustav und die Tektonik

die Sonne lacht, die Brise ist nicht ganz so heftig, wie vorher angekündigt, und doch hebt und senkt sich das Schiff von Bug nach Heck wie in ruhiger aber tiefer Atmung – körperlich spürbar. Wenn man inmitten des Schiffes steht, bemerkt man allerdings kaum etwas davon, vorne im Theater dafür umso mehr. Bei der Mahler-Matinee um 10 Uhr bewegen sich die Hubpodien gegeneinander, viel Tektonik ist sichtbar, am Flügel muss sich Esther festhalten, um beim Gesangsvortrag nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mahler kann da nicht helfen, er hat seine eigene Tektonik. Alles aber nicht schlimm. Paul und Esther besorgen den musikalischen Teil, ich lese einen Brief von Gustav Mahler an seine zukünftige Gattin Alma. Und zwar den, in welchem er sie darum bittet, ihre eigenen Komponisten-Pläne zu begraben, er sei der Künstler, nicht sie. Ein komplizierter Mann, der Mahler, doch nur so konnte er wohl zur höchsten Weihe gelangen. Den Brief lese ich auf deutsch, englisch läuft der Text per Projektion auf den Leinwänden mit, am Ende wechsle ich die Sprachen. Die Begrüßung und Verabschiedung mache ich mittlerweile in englischer Sprache – das kommt gut an. Unsere Veranstaltungen werden auch gerne besucht von der englisch-sprachigen Klientel, immer mehr Gäste kommen hinzu und lauschen der Oper und ihren Programmen.

Der Tag hat 25 Stunden, da an jedem Morgen eine neue Zeitzone erreicht wird, diesmal ist es Grönland, genauer Nuuk. Wir sind nun 4 Stunden von der Hamburger Zeit entfernt. Mit dem Uhrenstellen komme ich nicht mehr hinterher und so erwacht man mit der Dämmerung am Morgen, egal zu welcher Uhrzeit. Die Uhr hält auf, die Sonne ist das Maß der zeitlichen Dinge. Man kann sich getrost der Natur hingeben und kommt nie zu spät an – höchstens zu früh. Morgens gehe ich immer ins Kings Court Restaurant und trinke einen ersten Kaffee und beginne den Tag vorzubereiten – es gibt viel zu bedenken und zu planen und zu schreiben. Probenpläne, Power Point-Präsentationen und dergleichen mehr steht auf dem morgendlichen Programm. Es ist wundervoll ungestört am Fenster zu sitzen, den Blick auf das Meer zu genießen und noch kaum eine Menschenseele isr zu sehen. Es ist die Zeit vor dem Erwachen der Königin. Ein eigentlich unspektakulärer Tag.
Viele Veranstaltungen ansonsten noch, das Angebot für die Gäste an Bord ist vortrefflich und wird sehr gut besucht, wir mittendrin. Das Kulturvolk stirbt aus? Ganz sicher nicht auf dem Atlantik …

Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor