9. Tag: Finale auf See

9. Tag: Finale auf See
von Michael Sturm

9. Tag: Finale auf See

Der Kaffee am frühen Morgen im schlafenden Schiff ist wieder eine Wohltat. Mich beschleichen jedoch schon sentimentale Gefühlsmomente, schliesslich ist heute der letzte Tag an Bord mit den finalen Vorstellungen 13 und 14. Die Vorfreude ist groß, die Anspannung auch, leichte Nervosität lässt sich nicht leugnen, doch über allem stehen Gewissheit und Vertrauen. Hoffentlich bleibt das Management bei seinen Absprachen wegen der Probenzeiten auf der Bühne und unterstützt mit helfenden Händen. Draußen schmeckt die Luft mittlerweile nicht mehr nach See, sondern nach Land. Nordamerika hat einen besonderen Geschmack, einen charakteristischen Duft, den ich allerdings schwer beschreiben kann – Beschreibung folgt, vielleicht.
Helena Zubanovich lädt ein zum Stimmtraining für alle, wie artikuliere ich, wie stütze ich, was macht das Zwerchfell. Kurz arbeitet sie mit Carina, dann widmet sie sich ihren Zuhörern im vollbesetzten Auditorium. Zwei Freiwillige beginnen mit Exercisen, zum Schluss sprechen alle in Terzen auf Tönen einen Satz. Magie liegt im Raum,und jeder spürt und genießt es, denn dieser Klang ist besonders und gelungen schön. Eine Dame der reisenden Gäste hat eine glorreiche Idee für eine zukünftige Tour: Chorsingen. Die Deutschen singen gerne, meint sie, auch die Briten und die Amerikaner sowieso. „Gemeinsam singen“ so würde das Motto lauten: Volkslieder der einzelnen Nationen erlernen und zum großen Finale einer musikalischen Kreuzfahrt wir alles einander präsentiert: Singen verbinde doch! – Welch eine wunderbare Anregung für die Zukunft. „Zukünftig“ – das hat einen sehr schönen Klang.
Ein guter Geist steht über diesem Tag, denn kurz nach Mittag haben wir endlich die Gelegenheit zur Probe für das szenisch-musikalische Finale, grossartig. Zwei Duette, das eine von Smetana, das andere aus Beethovens Fidelio, Ulrica, „Acerba volluta“, Paul aus Korngolds Toter Stadt, Kalaf aus Turandot, das „Libiamo“ aus der Traviata und weiteres mehr – die Bühne bebt, Standing Ovations zum Schlussapplaus, bewegende Momente, dazu Champagner und das Hamburger Teamfoto mit den Laufenbergs als Hintergrundbild. Das Theater ist gut besetzt, voller hätte es vielleicht noch sein können, wenn nicht zeitgleich eine Entertainment-Veranstaltung für das englischsprachige Publikum angekündigt worden wäre. Mikroakustische Verstärkung brauchen wir bis zum Schluss nicht, gestützte Opernstimmen und ein kraftvoller Anschlag am Klavier reichen aus um das Theater auszufüllen. Das ist Oper!

Wir danken PALCO REALE und der Cunard, und allen unterstützenden Mitarbeitern dieses wunderschönen Schiffes, der Queen Mary 2. Es hat sehr viel Spass gemacht!

Gesungen wird auch noch woanders und zwar gegen Mittag. Treffen sich doch im Herzen des Schiffes in der Grand Lobby geschätzte 25 englischsprachige Damen mit einigen wenigen Herren, alle im fortgeschrittenen Alter. Man sitzt auf Stühlen, ein Notenblatt in der Hand, man beginnt zu intonieren, ein Klavier begleitet und auf geht´s: Tevje und das „was wäre wenn“- Lied „Wenn ich einmal reich wär, dideldum…“. Weniger gestützt aber im Hauch zutiefst vereint und beseelt. Ein rührendes Ausrufungszeichen auf dem Meer und dabei etwas über dem Meer schwebend – hinan.

18.30 das Essen im Todd English für die Künstler, ein empfehlenswertes Feinschmecker-Restaurant an Bord. Der Cunard ein herzliches Dankeschön, denn sie uns lädt ein. Es schmeckt vorzüglich.

Der Waschsalon danach. Er ermöglicht das Waschen in Eigenregie, ein sehr kommunikativer Ort, erinnert mich an die Studentenzeit. Mehr dazu bei der nächsten Transatlantik-Tour.

Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor