Die Reise nach Jerusalem

Südkreuz oder Senftenberg?
von Michael Sturm

Die Reise nach Jerusalem

Wer reist wird überrascht, wer nicht überrascht werden möchte, bleibt zu Hause. Und dort wartet die Deutsche Bahn. Nicht überraschend sind ihre Verspätungen wegen Störungen im Betriebsablauf oder spielender Kinder im Gleise. Überraschend im vorliegenden Fall ist die Tatsache, dass der so deutsch anmutende Regionalexpress nicht nach Cottbus oder Senftenberg unterwegs ist und auch nicht am Südkreuz hält, sondern in Tel Aviv startet und in Haifa oder Ber Sheva endet. Der rote Anstrich lässt schlimmstes befürchten und tatsächlich hat der Zug Verspätung, immerhin fünf Minuten. Gut gelernt vom deutschen Bruder, denke ich mir und steige und ein. Den Weg zum Sitz kenne ich im Schlaf und wenn ich die Augen öffne überrascht eine Anweisung auf deutsch. "Automatik" steht an den Türen zwischen den Waggons, ansonsten bleibt es hebräisch oder englisch. Wenig überraschend und ziemlich unheilig, dafür vertraut und ganz nah am Bahnhof Zoo.

Das "weiße Tel Aviv" gibt es doch und nicht nur auf Postkarten oder vergilbten Fotos. Weiss, sachlich mit runden Balkons und davon um die Viertausend. Das ist das Tel Aviv im Bauhaus-Stil. Eine lange und sehr interessante Geschichte, denn die Koryphäen der Architektur, die vor den Nazis flohen tobten sich imposant und modern in der rasant wachsenden Stadt aus. Sehr fein, was auch die UNESCO erkannte und vor Jahren das "weiße Tel Aviv" für schützenswert erachtete. Doch wie nun damit umgehen? Die Bewohner umzusiedeln, um die Häuser denkmalgerecht zu sanieren? Keine Lösung, denn das Geld fehlt. Und wer möchte schon im Museum wohnen? So bleibt es ein stolzer Plan und ein inspirierender Gedanke. Gestern nun entdeckte ich das sachliche Weiss in Rekonstruktion. Arbeiter waren am Werkeln und Dessau ist nahe. Von Berlin keine Stunde, wenn die rote Regionalbahn keine Verspätung hat und nicht bis Jerusalem durchrauscht.

Gewöhnlich stehen Bänke im öffentlich Bereich mit Blick ins Grün oder auf Strassen. Der Sitzende okkupiert sie meist allein wenn er in der Mitte sitzt oder in netter Gesellschaft, dann weicht er zu den Seiten aus. Man sitzt an den Enden, wenn man einander nichts mehr zu sagen hat oder man füttert die Tauben und schaut ins Grün oder auf die graue Straße. In Israel sitzt man einander zugewandt und die Bänke sind eher Stühle. Ich fühle mich an den streitbaren Michel Friedman in seinen früheren Talkshows erinnert: einander ausgeliefert im Dialog, nahe bei einander, Aug in Aug. Besser als der Blick ins Grün oder Grau, es sei denn es ist die Augenfarbe des Gegenüber.

Israel war wieder sehr besonders. Und wie es aussieht kehre ich bald zurück in künstlerischer Mission. Und mit der Kunst natürlich auch die gelandenen Gäste von PALCO REALE.

Kategorien: Israel
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor