Fanget an!

Unsere 10 Gebote!
von Michael Sturm

Fanget an!

Wir sind auf der Zielgeraden, das Haus ist bezogen, nun müssen noch Stühle gerückt und Bilder gehängt werden. Am Donnerstag ist die Generalprobe, am Freitag mit allen die Auswertung, gleich die letzten Bühnenproben mit Orchester. Ein langer Weg von Nürnberg nach Posen war es, ein zehrender, doch welche Meistersinger gehen nicht an die Substanz. Wagner ist immer Hochleistungssport. Und da heißt es, eine Mischung aus Intensität und Entspannung zu finden, die bis zu den finalen Proben das hohe Niveau halten, schließlich wollen wir ja keine Vorlauf-Weltmeister werden. Alles ist eine Frage der Dosierung und der dosierenden Begebenheiten. Bühnenproben zum Beispiel gibt es erst im komplett aufgebauten Bühnenbild, also gegen Ende des Probenprozesses. Und die in der Anzahl von vier. Technische und szenische Abläufe werden erstmals getestet. Da das Werk selbst eine überbordende Länge hat, braucht man zusätzlich zu allem noch gute Nerven. Heute gehen die Beleuchtungsproben weiter, die Festwiese als ersehntes Ziel liegt noch weiter hinter zwei Horizonten verborgen. Gestern Pressekonferenz mit vielen Medienvertretern - ich war noch nie so müde auf dem Podium.

Ob es ein heißer Tanz mit der öffentlichen Meinung des rechten Sektor wird, lässt sich noch nicht endgültig sagen, doch einen Vorboten gab es schon. Stellte doch eine Zeitung in einfachen Worten die noch einfachere Gedankenkette mit "Lieblingsoper Hitlers", "Aufführung des Werkes im Jubiläumsjahr Polens", "israelischer Dirigent" und "polnischer Untermensch" her. Zugegeben - da schluckt man schon. Mal sehen, was noch kommt, ob es ein tatsächliches Politikum wird. Um dem Leser kein falsches Bild zu vermitteln: unsere wichtigsten Unterstützer kommen von polnischer Seite direkt aus dem Sejm und der wichtigste von ihnen aus der Partei, die gegenwärtig in Polen regiert. Einfache Weltbilder gibt es in der Realität nicht.

Zum Verständnis noch ein Nachtrag: Gabriel Chmura ist der digierende künstlerische Leiter des Theaters. Polnisch ist seine Muttersprache, er besitzt einen kanadischen und israelischen Pass, lebt in Belgien, spricht fließend aus familieren Gründen deutsch und liebt die Heute-Show im ZDF. Assistent war er von Herbert von Karajan und betreute als solcher 1974 hautnah in Salzburg die legendären Festspiel-Meistersinger. Und wie Chmura unsere Meistersinger dirigieren wird? Ich sollte eigentlich zurückhaltender sein, doch schon jetzt hören wir alle in den Proben von Zauber und Wundern.

Am Samstag kommen die ersten Gäste nach Poznan, am Sonntag folgt das Fest. Wie schön, dass PALCO REALE dabei sein wird. Ich freue mich darauf.

Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor