Grenzüberschreitung

Grenzüberschreitung
von Michael Sturm

Grenzüberschreitung

Mit dem Rad unterwegs zu sein hat Vorteile: man spürt den Puls, bestimmt das eigene Tempo, sieht mehr und ist bestenfalls nicht allein auf dem Weg. Mein Sohn hatte schon Ferien und so brachen wir von Prag auf, zunächst mit dem Zug und dann weiter im Sattel kurz hinter Liberec/Reichenberg die Neiße hinab und der Ostsee entgegen. Die Natur ist abwechslungsreich in ihrer Schönheit, die zeitgeschichtlichen Momente berührend und lehrreich. Wir gelangten wie geplant bis kurz hinter Forst und freuen uns auf die Fortsetzung im nächsten Jahr. Drei Bilder von vielen möchte ich kurz skizzieren:

 

 

Der Blick geht hinüber, Brückenköpfe weisen den Weg von der hiesigen auf die dortige Seite, die Mitte ist zerstört, der Fluss fließt friedlich darunter. Drüben hatte die Stadt einen eigenen Stadtteil, industriell geprägt, eine Straßenbahn brachte regelmäßig Menschen von hier dorthin  - zur Arbeit viele, zum Wohnort manche. Heute schaut man auf einen undurchdringlichen tiefen Wald, er wirkt wild wie ein Urwald und jeder Stamm steht stumm im Wind der Zeiten, wo einst das Leben vielleicht allzu sorglos lebte. Jeder Baum eine Erinnerung, ein Gedanke, wie eine fest verwachsene Mahnung im Weltgewissen. Forst an der Neiße - im unsichtbaren Trauerflor auf Rosen gebettet, weil sie sich Rosenstadt nennt und das Rot der Liebe die Pfade säumt.

Der Fluss war das Ende des Parks, der kein Park mehr war und das Schloss wurde zum geschmückten Mittelpunkt eines Festes in einer gestalteten Natur, die es nur noch in der Erinnerung zu gab. Die Hermannseiche drüben ließ sich nicht mehr finden, Wege waren verschwunden, Wucherungen und Gestrüpp die Antworten der Natur ohne menschlicher Händewerk. Der Fluss war einst ins Kunstwerk der englischen Gartenarchitektur eingewoben, er war kein Hindernis, sondern der Sinnspruch für den Lauf des Lebens hier in diesem Garten Eden. Ein Leichtes war es über die Brücken zu springen, das Dort war hier, das Hier war dort. Heute erstrahlt die Anlage so, wie sie der Fürst einst ersann und die Grenze zweier Nationen inmitten des Flusses verschwimmt, ist unsichtbar, weil die Natur keine Grenzen kennt und der Mensch als Gleicher und Gleichen wandelt. Auf deutsche oder polnische Grenzmarkierungen haben die Autoritäten der Verwaltung beider Staaten verzichtet. Natürlich, ja, denn jede Grenze ist unnatürlich, das lehrt der Park in Bad Muskau.

Die große Waffel mit dem Vanilleeis auf dem Dach, quietschige  Graffitis im Comic-Style darunter, die bunte Bude ist geschlossen, es ist noch vor Eins. Erfrischungssuchende Radfahrer müssen warten oder die Hausglocke betätigen, kräftiges Läuten ist erwünscht. Wir stehen davor und überlegen, die Pedale sind gerade warm getreten und schon wieder absteigen? Die Fussball-Euro ist in vollem Gange, das deutsche Team noch in vorderster Reihe dabei, die Fans rocken und frohlocken, Schwarz-Rot-Gold prangt auch hier an der Erfrischungsbude. Im Hintergrund das Wohnhaus, im Giebelfeld das Logo von Dynamo Dresden, es bleibt fussballerisch. Ich erinnere mich an brisante deutsch-deutsche Duelle im Europapokal, aber auch an Abstiege und Insolvenzen in der Zeit nach der Wende, an zunehmende Krawalle mit unguten Untertönen, an Ausschlüsse aus dem Pokal-Wettbewerb. Der Dresdner Dynamo war einst der Lichtbringer für seine Anhänger gegen Erich Mielkes Stasi-Club in Ostberlin, ebenfalls Dynamo genannt. Heute ist er der Identifikationsverein vieler Sachsen gegen, ja, gegen wen eigentlich, vor allem aber für wen? Ich stehe vor der einladenden Erfrischungsbude und entdecke unterhalb der Glocke an der Gartentüre folgenden Schriftzug „Tür nicht öffnen wenn geschlossen sonst bumm“. Kein Vanilleeis, sondern weiter am Fluss entlang mit Polen rechts daneben. In Görlitz wartet die Europabrücke.

 

Drei Übernachtungen und die im wunderschönen Klosterstift Marienthal, im polnischen Przewoz und im ländlichen Sacro, knapp 150 km in Pedalen und die Fortsetzung planend. Grossartig!

Kategorien: Sturm unterwegs
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor