Silvester 2018

der Komet LOVEJOY und sein Schweif
von Michael Sturm

Silvester 2018

Ein Komet flog vorbei, er hinterliess keine Spuren, nur den Namen seines Entdeckers machte er bekannt, was aber auch schon einige Jahre zurückliegt. Doch der liest sich noch immer schön - "Lovejoy", Liebfreud, Liebesfreude oder so ähnlich übersetzt. Derart positiv hat man sicher selten ein so schnell durch den unendlichen Raum rasendes graues und lebensfeindliches Etwas benannt.

Sein Schweif ist lang und seine Spitze im Kern ein gleißendes Hell, der umgeben ist von einer sanft leuchtenden Gloriole. Mir kommt die Weihnachtsgeschichte in den Sinn, die vielen Gaben und behaglichen Momente, die Rückschau auf das zu Ende gehende Jahr, aber auch der Ausblick auf die kommende mich neugierig machende Zeit. Mit dem Gepäck des Vergangenen in die Zukunft aufzubrechen ergibt Sinn und das Innehalten zum Jahresende ist eine gute Haltestelle auf dem Weg dorthin.

Das Buch das Jahres 2018 war für mich Yuval Noah Hariris "Eine kurze Geschichte der Menschheit". Meisterlich geschrieben und recherchiert und so nahe gebracht, als wäre man selbst ein reales Kettenglied der Menschenheitsgeschichtes - na ja, immerhin ein winzig kleines. Unbedingt lesenswert!!!

Die Aufführung des Jahres im Theater war für mich Candide in der Komischen Oper in der Regie von Barrie Kosky. "Die beste aller möglichen Welten" - darum geht es im Werk von Leonard Bernstein - kann es nur geben, wenn alle anpacken. Eine so einfache Aussage ganz ungefiltert mit einer auf die Bühne gerollten großen Weltkugel zu übersetzen - darauf kann kein deutscher Regisseur kommen. Ein wundervolles positives Erweckungsfinale, grandios! Da mach ich mit!*

In Erinnerung bleibt mir auch Daniel Barenboims Brahms-Abend neulich in der Philharmonie. Selten habe ich ihn so emphatisch mit seinen Musikern kommunizieren sehen, selten so viele Brüche und Nuancen bei Brahms 1 und 2 zu hören bekommen. Es brauchte zwar etwas bis zum dritten Satz bei der Ersten, doch dann brachen die Dämme und man war tief im Brahmsschen Kosmos angekommen. "Ad aspera ad astra" - so gut bin ich noch nie zu den Sternen gereist.

Eine Stimme bleibt mir Gedächtnis, sie sang die Sopran-Partie im Weihnachtsoratorium in der Thomaskirche zu Leipzig: Dorothee Mields. Innig und beseelt. Durchdrungen jede Silbe, jedes Wort in jedem Ton. Man glaubt ihr, weil sie glaubt, weil sie eine Botschaft hat und diese mitteilen will - und kann. Was man von den Thomanern und den Übrigen nicht so recht sagen konnte. Alles klang ohne Zweifel hochvirtuos und klangschön gestaltet, doch nicht von innen heraus erdichtet. Die letzte Nuance inneren Lebens fehlte und damit die tiefe innere Beteiligung. Man sang und tat nicht, man jauchzte, aber frohlockte nicht. 

Mein Höhepunkt mit Palco Reale: ich komme von einer einzigartigen Musikreise aus Israel zurück nach Europa und gelange auf direktem Wege nach Nizza, ich bin erfüllt von den Eindrücken und vom Geist des Heiligen Landes und stehe vor den biblischen Seelenbildern Chagalls... Alles hat seinen Sinn, ganz sicher.

Ausblicke im kommenden Jahr: Lemberg, Odessa, Israel und Luxor in Eigen-Regie, dazu viele neugierige Menschen an meiner Seite, auch wenn es "Palco-realistisch" nach Norwegen, Dubai oder Aix en Provence geht. Das reicht für mich schon als Reise zum Glück oder zum Kometen "Lovejoy" - ganz wie man will.

Verleben Sie alle ein Frohes Neues und Glückliches 2019.

Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Ihnen!

Herzlich

Ihr

Michael Sturm

*warum sind die Deutschen bloß immer so skeptisch?

Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor