Nizza nach Jerusalem oder der leuchtende Chagall!

Chagall
von Michael Sturm

Nizza nach Jerusalem oder der leuchtende Chagall!

Liebe Freunde,

gestern das musikalische Ende einer Reise, die in Tel Aviv begann, in Jerusalem ihre seelische Mitte fand und in Nizza ihren besinnlichen Schlussakkord erlebte. Erfüllend und wunderbar, denn gestern am Karfreitag die Johannes-Passion im Opernhaus von Nizza und diese ganz im Geiste des Deutschen Requiems von Tel Aviv - nämlich beseelt im höchsten Maße. Und wie gut, dass am Ende ein Choral für den Lobpreis anklingt, denn der Trost und die Hoffnung gleichermassen lassen am Ende befreiend applaudieren. In Frankreich Bachs Passion zu hören ist schon ungewohnt, noch mehr aber sie von einheimischen Ausführenden zu Gehör zu bekommen. Und Orchester, Chor und Solisten machten es, angeleitet von ihrem musikalischen Chef, gnz hervorragend.

Das Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor uns saßen einige Schüler. Manchen ging es so wie Petrus im Garten Gethsame: sie senkten die Köpfe und schliefen, wenn auch an diesem Ort behaglich eingehüllt in dicke Daunenjacken. Der Weg vorher zur Garderobe war vielleicht zu lang, möglicherweise aber auch unbekannt. Sie hielten durch und träumten bestimmt recht gut.

Am Morgen davor für uns PALCO REALISTEN die Chapelle Matisse als farbiger Gedanke und leuchtender Pfad zur geglückten Verbindung von Moderne und Religion. Welch eine kontemplative Erfahrung, die lustig im Giftshop der Schwestern, die den Ort betreiben, endete. Mir gefiel der eine Druck mit Christus am Kreuz. Matisse hatte lange Jahre Studien betrieben für den finalen Leidensweg mit schwarzem Pinsel auf weissen Kacheln. Und die eine Skizze sollte es nun sein, nur hatte sie einen Knick. Die eine Schwester rief also die andere an, eine unbeschädigte Skizze aus dem Keller zu holen. Welcher Christus es denn sein, fragte die eine. Na, der mit der Unterhose, antwortete die andere. Langes und schließlich erfolgloses Warten. Es blieb nur eine unten ohne übrig, doch der wollte nicht so recht passen.

Chagall war die Brücke und der Klang seiner biblischen Bilder leuchtete und strahlte von Nizza nach Jerusalem zurück. Dorthin, wo alles begann, für mich und meine Gäste im Kleinen wie für die Menschheit in ihrer Gesamtheit. Möge das Wissen und der Glaube leben und die Vernunft walten. Und mögen viele Menschen kommen, um zu sehen!

Auf geht´s!

Kategorien: Ganz frisch!
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor