Oper in den Südstaaten

Oper in den Südstaaten
von Michael Sturm

Oper in den Südstaaten

in Mobile und gestern in Hattiesburg/Mississippi folgten die Meisterklassen für angehende Sänger. Sie sind alles sehr jung und teilweise in der ersten Stufe ihres sich Findens und Wirkens. Ich knüpfe dort an, wo ich auf der Queen Mary 2 aufhörte. Wir untersuchen den Notentext, schauen nach Phrasierung und Textbedeutung, gehen ins Detail der Diktion und landen schließlich beim Inhalt und persönlichen Zugang zum musikalischen Werk. Zuerst also die Kerne des Apfels schauen, um anschließend hinzubeissen und die Szene erschaffen. Bei manchem geht es darum seine Scheu zu verlieren auf der Bühne zu stehen, der andere ist ein Spaßmacher für das Auditorium, der den Fokus auf das Kunstwerk finden muss. Alles ist dabei und die Begeisterung aller berührend. Es ist immer wieder eine schöne Überraschung zu erleben, wie gut vorbreitet zur Probe kommen, denn sie wissen grundästzlich, was sie singen. Das kann man von manch einheimischem Gesangsstudenten zu Hause nicht unbedingt behaupten, kommt man doch zur Probe, um alles dosiert gelöffelt zu bekommen, um sich frei von Verantwortung zu machen. Das ist hier nicht der Fall. Daß die jungen Leute meist nicht wissen, was vor bzw. nach der Arien inhaltlich passiert haben sie mit denen in Deutschland gemein. Nachholbedarf also, doch besser jetzt als nie. Man muss noch Feuer in sich haben, um einen Stern zu gebären, sagt Nietzsche. Mögen es viele werden und alle das Feuer in sich finden und nicht von Wasser gelöscht zur Probe kommen. Anschließend offene Diskussion und mein Schluß mit den Worten, daß wir auf der richtigen Seite stehen und auch laut trommeln dürfen, ja müssen. Wir verkaufen, das Gute und Schöne für Seele und Mensch, das Unsichtbare, das Göttliche. Trommeln wir also! Der Empfänger gibt es hier wenige und der Kampf um die Ressourcen ist enorm, staatliche Untersützung gibt es nicht und so ist die Trommel das wichtigste Instrument im Kulturbetrieb. Ohne gibt es keine private Untersützung, das Funding ist hier ein hartes und gnadenloses Brot. Und doch: wenn dann die finanziellen Untersützungen fließen, weiss man, was man geleistet hat.

Mobile/Alabama hat eine Oper, drei Personen sind festangestellt, der Rest kommt für die einzelnen Produktionen dazu. Ein eigenes Theatergebäude hat die Oper nicht, bisher spielte man im großen städtischen Veranstaltungsgebäude mit 2000 Plätzen. Volles Haus, gute Einnahmen. Nun hat Mobile einen neuen Bürgermeister und der schließt kurzerhand das Gebäude, es sei marode und er läßt es zeitaufwändig umbauen. Von heute auf morgen steht die Existenz auf dem Spiel, auf die Straße für die Oper geht niemand, das öffentlich Interesse ist minimal. Fast meint man, die Trommler wären unter sich. Ein kleiner Saal wurde gefunden, er bietet Platz für 700 Unentwegte. Heißt weniger Einnahmen und weniger Oper und ein halbes Vergnügen: dem kurzen Bajazzo werden nur Puccini´s Crisantemi vorangestelllt und kein weiterer Einakter. Chrysantemen.
Politiker wäre aber nicht Politiker, wenn nicht folgendes wäre: Airbus kommt und baut und viele europäische Mitarbeiter sind auf dem Wege nach Alabama. Werbung macht der Bürgermeister mit der Oper, da ja die Europäer die Kultur so lieben. Wäre großartig, wenn Airbus der Opera Mobile unter die Arme greifen würde. Alle haben es verdient!

Und dann gibt es da noch die Universitätsstädte mit ihren Fakultäten für Musik und Oper. Sie werden staatlich subventioniert, haben aber auch gute Zuwendungen von privater Hand, oft durch betuchte Ehemalige. Fast alle haben ein großes Theater, was man Opernhaus nennen kann und das als solches auch geführt wird. Oper in den Campusstädten für Land und Leute drumherum. Eine kleine Universitätsstadt wie Hattiesburg in Mississippi wagt Großes, Turandot ist in Planung. Das ist an sich nichts besonderes, vielmehr ist die Freiheit und Flexibilität künstlerisch größer als in Opernhäusern der Kragenweite Mobile – sie bekommen ihre Subventionen schließlich allein aus Privatschatullen. Hattiesburg macht Kinderoper, geht auf Abstecher, hat ein großes und kleines Haus. Die Musiker sind Studenten, die Sänger der großen Fachpartien werden eingekauft, der Rest der Studenten verteilt sich auf Chor und kleine Rollen. Die Oper ist jung, getrommelt werden muss trotzdem. Und der Boden für Oper ist nicht gerade fruchtbar, umso mehr die rührende Zuwendung der Opernschaffenden.

Turandot – bin gespannt welche Fassung man spielen wird…

Kategorien: Sturm unterwegs
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor