Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

der berühmte Blick von der Dachterrasse des Österreichishen Hospizes
von Michael Sturm

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

Israel hat das Fahrrad für sich entdeckt. Überall ist man damit unterwegs, sei es auf der Uferpromenade im modernen Tel Aviv oder im alten und neuen Jerusalem. Scheinbar himmlisch leicht geht es dabei zu, denn getreten wird kaum, wenn es den Hügel hinauf oder die gerade Fläche entlang geht. Elektromotorische Unterstützung  für Kette, Pedale und Waden darf man das wohl nennen, was zum vereinfachenden Himmelsritt führt. Nun bin ich bei uns daran gewöhnt, dass vor allem die älteren Semester der Gesellschaft zur Tempohilfe greifen, weil Kraft und Pumpe nicht mehr so können wie sie vielleicht sollten oder müssten. Und es erregt regelmäßig mein Mitleid, wenn der Motor die letzte Instanz der betagteren Fortbewegungsbürger ist. Doch hier in Israel spotten die Jungen scheinbar über die Alten und ziehen eine Fratze, indem sie selbst zum Motor greifen. Irgendwie unsexy, aber total hipp im Land der Kippa und des angesagten Freizeitsports. So viele junge E-Biker an einem Ort habe ich noch nie gesehen. Morgen probiere ich es selbst einmal, wenn sich eines ausleihen lässt. Aber wie erkläre ich das meinem Alter?

Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn; Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Wohl denen, die in Deinem Hause wohnen, die loben Dich immerdar. [Psalm 84, 2.3.5] Und wir PALCO REAListen konnten erleben, wie es sich anfühlt vor der Tür immerhin einer der Wohnungen zu stehen. Man schloß die Augen in Tel Aviv, erlebte den Dirigenten Karl-Heinz Steffens, wie er das Jerusalem Symphony Orchestra und den großen Kibbuz-Chor bildhaft ins Himmlische Jerusalem steuerte. Nicht die letzte Perfektion von Textverständlichkeit und Intonation bannte den Zuhörer, sondern die tiefe Liebe und das innere emotionale Verständnis des einzelnen Chorsängers für das Werk berührten - dort, wo sich die Testamente innig umarmen und der Mensch zum Menschen die wahrhaftigen Worte des Trostes in der Trauer findet. Die Posaune ertönt, der Tod ist besiegt, die Auferstehung wird gefeiert. Und Jerusalem leuchtet himmlisch. Welch eine Himmelsbrücke an diesem Abend, der seine große Seele wirken ließ. Ich muss an die Klarinettistin denken, die bei "Selig sind die Toten" einen Schwächeanfall erlitt und Chor und Orchester kurzzeitig zum Schweigen brachte. Sie stand wieder auf und zum Schlussapplaus war sie wieder da. Und das Leben feierte sie.

Ich bin ganz erschöpft von den vielen Eindrücken. Jedesmal, wenn ich nach Israel komme, rücken mir Land und Leute näher auf die Pelle, das Fremde rutscht durch die Poren hinein in den Körper und zirkuliert fortan in der Blutbahn, so angenehm bereichernd. Gestern zum Shabbat waren wir PALCO REAListen eingeladen bei einer jüdischen Familie. Wir sangen, wuschen die Hände und teilten das Brot, lernten und lebten. Mit dabei war eine helfende Hand der Familie, die fließend deutsch sprach, aus Sachsen-Anhalt stammt und seit fünf Jahren in Jerusalem lebt. Sie spürte, wie sie sagte, irgendwann in ihrem Leben eine sonderbare Verbindung zum Judentum, forschte, lernte und konvertierte, sie folgte ihrer Berufung und lebt nun die Orthodoxie mit ihren Gesetzen. Die Schrift kann sie gut lesen, die Sprache langsam sprechen, sie ist auf gutem Weg. Berührend.

Der Shabbat ist gerade beendet, morgen ist Sonntag und Arbeitstag. Ich hoffe, dass alle lieben Palco Realisten wohlbehalten wieder gelandet sind. Ich habe noch zwei Tage.... Laila Tov!

PS: und morgen berichte ich Euch aus der Oper, dem Hospiz und den unschlagbaren kulinarischen Köstlichkeiten.

 

Kategorien: Israel
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor