Yemalla und das singende Blau

Coro Cantores de Cienfuego
von Michael Sturm

Yemalla und das singende Blau

Yemalla ziert ein schwarzes Gesicht, gnädige liebevolle Augen und Lebensfreude verhüllt im dunkelblauen Schleier einer Schutzmantelmadonna. Sie hat weiße Haare und trägt eine goldene Krone auf ihrem Haupt. Man könnte sie für eine Muttergottes halten und tatsächlich ist sie das auch irgendwie dem Anscheine nach. Ihre Wurzeln reichen bis weit hinüber ins ferne Afrika, wo ihr einst gehuldigt und sie angebetet wurde. Sie ist die Göttin der Meere und fester Bestandteil der heutigen Santeria-Religion. Die Sklaven nahmen ihre Naturgöttin mit auf die Karibikinsel, wo sie auf das Christentum traf und zwangsweise auf christliche Glaubenslinie gebracht wurde. Zur Bibel hat es nicht gereicht und ohne Testamente kommen die Gläubigen aus. Ein Jahr lang tragen sie weiße Gewänder, um sichtbar ihren Wunsch nach Aufnahme zu bekunden mit dem nahen Fernziel der Glaubensgemeinschaft sicher anzugehören. Trinidad hat einen Tempel und den besuchen die Gemeindemitglieder sonntags, ihr Gesang ist soll berührend sein. PALCO REALE ist beim nächsten Male dabei.

 

Farben spielen eine wichtige Rolle, und was liegt zwischen dunkelblau und weiß? Richtig, die singenden Damen des Coro Cantores de Cienfuegos, denn sie tragen ein helles schönes Himmelblau. Wir besuchen sie und hören, wie sich glockenklar der Himmel öffnet. Zehn Damen und acht Herren intonieren a capella von Monteverdi bis Afrokubanisch, von Gospel bis Honey Pie. Sie singen und bewegen sich dazu, als würden sie ihrer Leiterin huldigen, die zufällig selbst Honey heißt und zu Hause auf ihre Niederkunft wartet. Der Raum des Geschehens verweist auf bessere Zeiten, sind doch Wand und Decke blass an Farbe und bröckelnd im Putz. Man gewinnt den Eindruck als würden die 18 singenden Seelen das Haus vor dem Einsturz bewahren wollen und die Sonne als ihren Verbündeten ansehen. Es leuchtet der Raum, es frohlocken Geist und Seele aller Anwesenden. Wie wir später erfuhren, waren wir die erste deutsche Reisegruppe überhaupt, die diesen Chor zu Gehör bekommen hat. Denn zuerst stehen amerikanische Touristengruppen im Kalender, die nicht ein Wunschkonzert, sondern ein Pflichtprogramm erleben - müssen. Sie sind nämlich dazu verdonnert zuzuhören, steht es doch so in ihrem Kulturreiseprogramm, denn nur das können die US-Amerikaner buchen. Was übrigens auch bedeutet, dass sie die übrigen Kuba-Touristen dieser Welt beim Baden beobachten können ohne selbst aktiv werden zu dürfen. Denn das sieht eine staatlich organisierte Kuba-Kulturreise nicht vor und nur die ist für US-Bürger buchbar.

Die Damen des Coro Cantores tragen heute ihr helles Blau und sie grüßen den Himmel damit, manches Mal erscheinen sie in der Reinheit weißer Kleider oder ein anderes Mal im tiefen dunklen Blau und da wären wir wieder bei Yemalla. Wer mag da noch an Zufall glauben....

 

 

 

Kategorien: Kuba
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor