Alberichs zweiter Bruder

von Michael Sturm

Alberichs zweiter Bruder

Zugegeben, die letzten Tage hatten es in sich, vor allem der letzte Freitag so ab etwa 18 Uhr. Wenn man seinen Augen und Ohren nicht trauen und das Unfassbare erleben wollte, durfte man ab diesem Zeitpunkt nicht fehlen und stellte um auf Livestream, um in Washington am Capitol zu landen. Ich hörte im Zug und schaute auf einen Menschen, der scheinbar Wichtiges mitzuteilen hatte. Er brauchte dazu gerade mal 15 Minuten und das war es dann auch schon. Die Länge war üppig im Verhältnis zum Anliegen seiner gewählten Worte. Musik lag in der Luft, sogar etwas Oper. Eine Opera Buffa hört man immer wieder gerne zur Zerstreuung, ein Dramma per Musica, wenn man es etwas tragischer mag. Die Rede wirkte durchkomponiert und konnte sich weder für die eine noch die andere Gattung entscheiden. Seltsamerweise musste ich an das Rheingold Richard Wagners denken, nicht allein der vergoldeten Haarpracht des Redners wegen oder am vergoldeten Aushang seines neuen Büros. Alberich ist die Figur, die mir in den Sinn kam. Er ist ein hässlicher Zwerg, der auf Liebe und Menschlichkeit verzichtet, um das Gold zu besitzen. Es wird ihm entrissen und er verflucht es mit den Worten "Wer es besitzt, den sehre die Sorge. Und wer ihn nicht hat, den nage der Neid". Der Fluch ist düstere Prophezeiung und Drohung für alle Glücklichen, die selbst gedenken die Hand zum Gold hin auszustrecken. Drohung und Düsternis in Alberichs Worten und des Redners Sprechgesang. Sicherlich, es gibt Unterschiede zwischen beiden Protagonisten, doch der Herrschaftswille ist beiden gleich, ebenso ihr Hass auf die Götter, das Establishment.

Das Wochenende gehörte den fehlenden Worten der Unfassbarkeit aber auch der Empörung. Und die Empörungsfenster der sozialen Netzwerke waren weit geöffnet in diesen Stunden und irgendwie hatte jeder das Bedürfnis sich kundzutun. Die Sinne orientierten sich an Alberich und die Seele am Redner. Das Negative potenzierte sich und schwappte von den beiden dunklen Protagonisten herüber. Man wurde selbst zunehmend dunkler, bitterer, trauriger, manch einer sogar hasserfülllter. Man hatte den untrüglichen Eindruck, dass der Teufel an diesem Wochenende leichtes Spiel hatte neue Seelen zu fangen.

Ich hatte irgendwann genug davon und hörte Mozart mit Jos van Immersel und die Sonne strahlte wieder als Licht im Herzen. Es wurde ein gutes Wochenende. Hören sie mal:

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Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor