8. Tag: Das Cello im Kings Court

8. Tag: Das Cello im Kings Court
von Michael Sturm

8. Tag: Das Cello im Kings Court

das Schiff behütet seine Seelen im Kosmos des Meeres, eine verloren wirkende Barke im Weltenmeer – es hält Kurs nicht allein durch Captain Wells oder bekannte Meeresströme, sondern durch die Kantilenen eines Cello. Es ist Mendelssohn, warm, Seele, Mensch und Welt. Ich schaue ins Dunkel hinaus, sitze allein bei Kaffee und Weetabix im Kings Court. Draußen kaum ein Hauch von Wind, doch Bewegung und Stille, mild die Temperatur. Heute die letzten Vorbereitungen für das letzte Finale am kommenden Tag.
Heute auch die Turandot-Einführung mit Paul Weigold und mir im vollbesetzten ConeXXions, dem Seminarraum ziemlich weit vorn im Schiff und noch weiter unten. Gesprochen wird über den Schluss der Oper, den Puccini nicht mehr fertigstellen konnte – er starb nahezu zeitglich mit Liu. Doch da die Oper ja Turandot heißt und die Titelheldin den Tod Lius überlebt, sollte ein Schluß gefunden werden, der es ihr ermöglicht über den Schlussakkord des Stückes hinaus sinnvoll am Leben zu bleiben – gemeinsam und am besten liebend mit ihrem „Nessun dorma-Kalaf“. Toscanini fackelte nicht lange und bestimmte den Komponisten Franco Alfano dazu, das Opus mit den Skizzen und Anweisungen Puccinis zu vollenden. Gespielt wird heute meist eine kastrierte Alfano-Variante, da Toscanaini, der dann auch die Uraufführung dirigierte, keinen Gefallen an zu viel Eigenwerk des eher unbekannten Tonsetzers akzeptieren wollte. Wir stellen also den kompletten Franco Alfano vor und präsentieren dann den noch immer als neu geltenden Schluss von Lucio Berio – und der ist faszinierend. Ich kannte das besondere Werk zwar, doch nicht so genau im Hören und Lesen: es ist die Idealfassung. Finden auch viele Zuhörer. Leider zu selten an den Theatern zu hören. Sollte man ändern.
Gleich im Anschluss die letzte „Masterclass Gesang-Musik-Szene“. Carina und Martin stehen im Fokus und natürlich Smetanas Verkaufte Braut. Wir probieren das Duett Hans-Marie. Wie fällt man glaubwürdig hin, wie stützt man am besten, wo ist der Sitz der Stimme – diese Dreiviertelstunde geht besonders schnell herum. Diesmal alles auf deutsch, da bilingual nicht propagiert wurde.
Dennoch verirren sich auf einige Engländer und Franzosen in die Illuminations. Sie sagen, dass sie zwar nicht alles verstehen, doch sie hören den Gesang so gerne, das reicht ihnen schon, wie wunderbar!
Das Schiff ist eine Kleinstadt, sicherlich eine „delux“-e: Es gibt einen Bürgermeister, einen Capitano, Wells heißt er und er ist der Kapitän dieses Schiffes. Seine Stimme ist unverwechselbar, jeder an Bord kennt diesen markanten Tenor und seine Liebe zur Poesie in englischer Sprache. Zur mittäglicher Zeit spricht er ans Volk, wünscht einen „lovely day“ und berichtet über Wetter, Untiefen und Ausblicke, schmückt und macht plastisch, was schwer zu begreifen ist, man freut sich mit ihm auf Neufundland, auf die keltische See, geht mit ihm auf Tauchfahrt 4.000 Meter hinunter – man würde ihm glauben und vertrauen, dass es ein Genuss ist die Flora von unten zu betrachten. Sicherlich nur bitte nicht mit diesem Schiff und schon gar nicht mit einem Eisberg voraus. Das hatten wir schon, aber an anderer Stelle, weiter südlich.
Das ist beruhigend. In der Kleinstadt gibt es einen Pater, der für das Seelenheil zuständig ist, demzufolge eine wenn auch improvisierte Kirche, der Gemeindebesuch ist rege – gut so. Es gibt Geschäfte, Gastronomie, eine Spielbank, eine „Hundewelt“ (wo bleiben eigentlich die Katzen und Hamster?), einen Waschsalon, eine „Badeanstalt“ mit mehren Becken, verteilt über mehrere Etagen. Das Baden im Meer ist allerdings untersagt, Schilder mit „Baden verboten“ fehlen allerdings. Ein Bahnhof fehlt auch, dafür gibt es jedoch einen Hubschrauberlandeplatz, ein ausgehängter Flugplan wurde bisher allerdings nicht entdeckt. Ein Theater ist vorhanden, sogar eines mit einem Intendanten und diversen Abteilungsleitern. Den traf ich bisher nicht, Stammgast bin ich hingegen öfter im Betriebsbüro, um letzte Klarheit über die Zeit für Proben und Aufführungen zu bekommen, Wechsel und Neuigkeiten gehören zum Tagesgeschäft. Deutsche und englische Gäste erhalten verschiedene Tagesangebote für ihre Aktivitäten, manche Überschneidungen ergeben sich dennoch, wie ich zur großen Freude bei den bilingualen Veranstaltungen erleben konnte. Das Internationale ist immer eine wundervolle Bereicherung, das ist gelebte Welt und einfach: die Musik hat es ja sehr leicht als nichtstofflicher Verbindungsstoff zu wirken. Es gibt aber auch englischsprachige Veranstaltungen, von denen die Deutschen nichts erfahren und umgekehrt nicht die Englischsprachler. Das Angebot ist insgesamt breit gefächert und von hohem Niveau und für jeden Kulturmenschen etwas dabei, ob es nun Western-Tänze für Senioren, Vorträge von Admirälen und Weltumseglern, Beauty-Kurse, Jazz und Musical-Veranstaltungen sind – alles ist irgendwie richtig und gut platziert. Die Oper scheint erstmals in diesem Format an Bord zu sein – das berichten Stammgäste, sie finden unser Programm einzigartig und wünschen mehr. Das Lob würdigen wir gerne und geben es gerne zurück: wir freuen uns jeden Tag über dieses interessierte und dankbare Publikum.

Kategorien: Opernkreuzfahrt
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor