10. Tag: Farbenspiele

10.Tag: Farbenspiele
von Michael Sturm

10. Tag: Farbenspiele

wie üblich stehe ich sehr früh auf, diesmal nicht der Arbeit und der Freude am schlafenden Schiff geschuldet, sondern der Neugier auf den Tag: um 4 Uhr der Kaffee, kurz danach der erste Gang an Deck. Die höchste Spitze Manhattan´s leuchtet bereits von Ferne, die Lichter der Ufer bilden das Entre zu rechten, zur linken ein seit der frühen Nacht uns belgeitender Frachter, vor uns voraus ein Kreuzfahrtschiff, das scheinbar vor uns über die Ziellinie schippern will. Captain Wells läßt ihm gerne den vornehmen Vortritt, wir sind sowieso das stilvollere und edlere Schiff. Die Ziellinie: die Verrazano-Narrows Bridge, die Staten Island und Brooklyn miteinander verbindet. Lichte Höhe knapp 70 Meter, das Schiff knapp darunter, Köpfe einziehen, es klappt! Von nun an kann man in der Ferne die Freiheitsstatue leuchten sehen: Flamme, Sternenkranz und grüner Körper locken! Langsam dämmert der Tag, ein Farbenspiel beginnt in blau, orange und rot, verbunden mit dem Glanz des „Tower number one“. Die Lücke des Verlustes ist endlich geschlossen, ohne die Narben vergessen zu machen – sehr gelungen, die Trauer bleibt.
Man betritt das Land unspektakulär und zügig. Ich gehe als Letzter, nicht ohne dem Schiff und einigen Mitarbeiten „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Unten dann ein Provisorium an Empfangshalle – eher eine umgebaute Lagerhalle. Unser Ziel: schnelles Durchkommen. Doch das klappt beim Grenz-Regime nicht so zügig wie man möchte, freundliches Durchwinken ist ja schon seit Jahren nicht mehr angesagt. Also Geduld. Freundlicher sind sie geworden, die US-Grenzoffiziellen. Ingeborg wartet schon auf uns, ein Wiedersehen mit Freude. Wir kennen uns schon seit Jahren, sie wird uns durch New York führen und die Tage bei uns bleiben.
An Bord des Busses nun der direkt nach New York angereiste Teil der Gruppe, nun sind wir dreiundzwanzig plus Künstler, Reiseleiterin und Busfahrer – auf geht´s. Über Brooklyn und die Bronx geht es in den Norden, ins Grüne, genauer: in den Hudson Valley zum Herrn Rockefeller, genauer zum Kykuit – the Rockefeller Estate. Vom höchsten Punkt aus hatte er einen wunderbaren Ausblick auf Hügel, Hudson und Weite, Sohn Nelson war Vizepräsident unter Ford – und nun dürfen wir hinein. Die Villa ist eine Mischung aus englischem Landhaus mit etwas Barock, Renaissance und geübtem Klassizismus, die Lust auf China zeigt sich in Drachen und Porzellan, ab und an eine Skulptur, die an Florenz erinnert. Das „Alte Europa“ mit etwas Asien in der „Neuen Welt“ – da sind wir! Im Kellergewölbe eine Sammlung moderner Kunst mit seltsamen Wandteppichen a la Picasso. Echte sind aber auch darunter, also echte Piccasso´s, aber ohne Teppich – ein Licht geht auf!
Weiter geht´s zur nahen Union Church von Pocantico Hills. Eine kleine nette Kirche auf dem Lande, unscheinbar von außen, doch dann: Matisse im Chor und Chagall an den Seiten leuchten einen an, sie mystifizieren Raum und Menschen, die Zeit steht still, der Atem ein Hauch. Das Blau Chagalls erfüllt den Raum, das Grün-Orange der Fensterrose von Matisse trifft das Auge und die Seele. Ich bin zu Haus!

Das reicht für mehr als einen Tag.

PS: Fotos können den Eindruck nicht wiedergeben, waren auch verboten zu machen, daher eine Bitte an den Leser: googeln unter „Union Church Matisse“, das klappt!

Kategorien: Opernkreuzfahrt
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor