Mr.Winter

Percy Harold Winter
von Michael Sturm

Mr.Winter

Mr.Winter heißt mit Vornamen Percy Harold. Geboren wurde er gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Islington, im weiteren Sinne ist er ein Londoner. Sehr jung zog er ins Feld, er stieg auf zum Offizier, verdiente sich Orden und verletzte sich schwer. Er überlebte, verkehrte in den richtigen Kreisen, studierte unter anderem Geschichte und Architektur und ging als Beamter der britischen Mandatsregierung nach Palästina. Etwa Mitte der zwanziger Jahre muss das gewesen. Knapp zehn Jahre wirkte er im Public Works Department als er gemeinsam mit seinem Chef Austen Harrison einen repräsentiven Neubau in Angriff nahmen. Das General Post Office von Jerusalem in der Jaffa Strasse sollte es sein. Harrison war ein streitbarer Freigeist, der mit den politischen Plänen, die man für Palästina schmiedete nicht einverstanden war und so ging er. Winter setzte den Bau fort und vollendete ihn, zumindest als Mitarchitekt kann er gelten, da er auch die Gestalt des entstehenden Bauwerks nach seinem ästhtischen Geschmack veränderte. Er blieb, plante, entwarf und baute, im gesamten Mandatsgebiet. Er liebte das Land in seiner ethnischen und kulturellen Fülle, das gläubige Mitglied der Church of England hatte Freunde über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Er entwarf einen Plan für den Wiederaufbau der alten Kreuzfahrerstadt Akko, den sogenannten "Winter-Report". Er schaute und hörte, blieb aber gerne im Hintergrund, zu scheu und zurückhaltend war sein Wesen. Grosse Menschenmassen machten ihn nervös bis panisch, wie sein einstiger Chef zu berichten wusste. Vielleicht lag das an den Schrecknissen des Krieges.

In den Sommermonaten reiste Mr.Winter in seine Heimat nach England oder er ließ sich besuchen von Freunden in Palästina. Zu nennen ist da die Familie Pope, die bekannt war für ihre große Reiselust. Palästina war ein bevorzugtes Reiseziel, denn das Familienoberhaupt war ein enger Freund von Mr.Winter. Mr. und Mrs. Pope hatten zwei Kinder, Elizabeth und Norman hießen sie und die waren natürlich immer dabei, wie auch die Nanny Dorothea Sturm aus Dresden.

Mitte der dreißiger Jahre verfinsterte sich bekanntlich zusehens der Himmel über Europa. Auch für Fräulein Sturm. Den Sommer 1935 verbrachte sie glücklich in Dresden, ein kurzer Urlaub gestatte ihr das Wiedersehen mit ihrer Familie. Danach reiste sie nach Cuxhaven, um von dort mit einem Linienschiff nach Southampton aufzubrechen. Sie reiste 3.Klasse, nicht ungewöhnlich für Stand und Geldbörse. Der Hapag-Liner legte gerade ab, als ein Polizeiboot das Linienschiff stoppte und Fräulein Sturm von Bord nahm. Sicher war man nicht, was man ihr genau vorwarf, doch es gab einen Verdacht, der sich über Spionage bis zum Vertoß gegen die Rassengesetze erstreckte. In Hamburg nahm sich die Verdächtigte einen Anwalt, zufällig ein Freund ihrer Schwester, der schrieb einen geharnischten Brief an die entsprechende Polizeibehörde nach Berlin. Der mutige Tonfall ist überraschend, wenn man bedenkt, in welcher Zeit man sich befand. Und auch die englische Presse berichtete darüber. Fräulein Sturm kam frei und reiste, wenn auch verspätet zu ihrem Arbeitgeber nach London. Familie Pope freute sich und noch mehr Mr.Winter, der im darauffolgenden Jahr den Besuch aller in Palästina begrüßen konnte. Es muss im August des Jahres 36 gewesen sein, als sich Mr.Winter und Fräulein Sturm näher kamen, denn knapp neun Monate später kam ein Kind zur Welt, das den Namen Harald Percy Sturm tragen würde. Briefe zeugen von warmen Gedanken und lieben Worten, von Politik und Arbeit, von Bedeutsamem und weniger wichtigen Dingen. Der Vorname des Kindes war der ausdrücklich Wunsch des Vaters, das geht aus den Briefen hevor. Fräulein Sturm blieb Fräulein Sturm und das Kind wuchs in Dresden auf. Der Vater hielt vor den Freunden geheim, was diese aber ahnten. Doch mehr wurde nicht bekannt und schon gar nicht darüber gesprochen. Mr.Winter schickte Geld an eine Freundin von Fräulein Sturm, sie hatte eine unverfängliche österreichische Adresse, er reiste, wenn er seinen Sitz in Palästina verließ und nach London oder wieder zurück musste, über Österreich oder die Tschechoslowakei, um Mutter, vermutlich mit Kind, zu treffen. Seine Absender waren Hoteladressen in Rom und Neapel, in Jerusalem oder der Royal Society Club St.James, ihre blieb einzig in Dresden. Von einem zweiten Kind ist die Rede, es starb im Mutterleib, in Prag soll es gewsen sein. Je näher der Krieg kam, umso näher kamen sich beide in dem Wunsch über Standesgrenzen zu springen und zu heiraten.

Der Krieg begann und die Briefe erreichten nicht mehr die Adressaten. Dresden brannte und Mutter und Sohn überlebten, während Mr.Winter in Palästina blieb und vermutlich schwer belastet ein neues Leben lebte. Denn er heiratete im Frühjahr 1940 wenige Monate vor dem Blitz in St.Margrate, Westminster. Nach dem Krieg suchte sie ihn, er blieb bis zur Gründung des neuen Staates in Palästina. Von Israel ging es über Marokko nach England zurück. Dort lebte er bis 1966 grünen Paradies der Insel, wie versteckt hinter Bäumen und Feldern in einem Cottage in Kent. Das Haus soll dem britischen Geheimdienst gehört haben. Das berichtet Percy Harold Winters Nachbarin, Penny Harris, die noch heute am Ende der Oakenden Lane neben dem Keepers Cottage von Mr.Winter lebt.

Vor wenigen Tagen war ich mit einigen Freunden bei Penny zu Besuch, sie zelebrierte in ihrem Garten einen wundervollen Afternoon Tea, die Sonne schien und es war sommerlich warm ohne allzu heiß zu sein. Wir frohlockten und sangen der Gastgeberin ein Lied, denn sie hatte Geburtstag. Und an diesem Tag vor 50 Jahren starb Percy Harold Winter, der Mann, der mein Großvater war.

 

PS: eine gute iraelische Freundin von mir lebt in Jerusalem, Daniela heißt sie. Sie zeigt mir den Dienstausweis ihres Vaters. Ein historisches Dokument, denn er arbeitete für die Britische Mandatsregierung im Public Works Department - und er war damit Arbeitskollege von Mr.Winter.

 

 

Kategorien: Israel
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor