Unter Segeln

Musik
von Michael Sturm

Unter Segeln

Es sieht aus, als würde sich alles Unglück über dem Fliegenden Holländer türmen. Die dunkle Ferne wie ein Gemälde William Turners als natürliche und unwirkliche Horizontbegrenzung. Unwirklich, doch schön und dazu bedrohlich anziehend. Wie es so ist mit der Gefahr - man flieht vor ihr und will doch hin, die Lust gepaart mit Neugier, die zum Kampfe reizt. Ein Schiff, das sich mit rotem Segel der ungehemmten Natur aussetzt, sich im Orkan mit feurigen Wassersalven von oben streitet. Der Holländer ist Prometheus, der die Götter herausfordert mit seinem fanatischen und selbstsüchtigen Eifer, dem sich die eitlen Götter nicht entziehen wollen. Ihr diffuses Licht zwischen den Wolken blitzt auf und lässt ihre wahre Macht erahnen. Mit Gleichmut begeben sie sich in das ungleiche Kräftemessen. Der Kampf und danach die Stille. Wind und Meer beginnen scheinbar einzuschlafen, Ruhe ist und Besinnung herrscht, ein Rauschen bleibt. Das rote Segel hängt schlaff herunter - besiegt. Es bleibt das Banner der Sehnsucht nach Liebe und Erfüllung, nach Ankommen und Aufgehobensein. Senta wartet schon. Holländer heißt er und mit Prometheus unterschreibt er im Logbuch. Seine Anmerkung: keine besonderen Vorkommnisse.

 

Die Bewegung unter Segeln erlöst von der gnadenlos tickenden Landzeituhr. Man entschleunigt auf dem Meer, man entgiftet geradezu von allen gefährlichen Substanzen der alltäglichen Landnahme. Das Boot gleitet dahin, es hat seine Knoten, mal mehr oder weniger. Auf der Hut muss man sein vor willkürlichen Wechseln im Tempo eines gefühlten Wimpernschlages, denn schnell kann es gehen von der Meeresstille zum erbarmungslosen „Holländerwüten“. Fragil bleibt alles und jeder Mastbruch ist eine Warnung. Das Chaos der Natur siegt immer.

 

Eine ganz seltsame Hörerfahrung: Tom Waits passt, auch Bachs Cellosonaten und Giuseppe Tartinis Violinkonzerte, selbst das Kol Nidrei von Max Bruch geht wunderbar auf dem Wasser spazieren, leicht und auf geheimnisvolle Art verwachsen mit dem Resonanzboden Meer. Gustav Mahler hingegen will nicht so recht, ebenso wenig Beethoven. Beide sind bestimmt zu erdverbunden, zu herrisch und bestimmend gegenüber der immensen Kraft, die Wasser und Wind entfachen. Vielleicht eint aber auch beide die Erkenntnis, dass es keine Sieger im Ringen miteinander geben kann, vielleicht sind es auch zwei positive Pole, die einander abstossen, je näher sie kommen. Wie seltsam alles, auch, dass es die tiefe sinnliche Rationalität Bachs um so vieles leichter hat. Und Tom Waits?

Ich weiß gerade nicht weiter, ich bin auf dem Meer.

 

Kategorien: Sturm unterwegs
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor