Und Bruckner kam nach Herrenchiemsee

Mit Philippe Herreweghe im Spiegelsaal von Schloss Herrenchiemsee
von Michael Sturm

Und Bruckner kam nach Herrenchiemsee

Und Bruckner kam! Feierlich und auf leisen Sohlen stellte er sich vor, doch nachdrücklich, schließlich wollte er etwas erzählen. Es heißt, dass Bruckner, bevor er mit seiner Sechsten kompositorisch auf Reisen ging, zuerst selbst das Weite suchte. So besorgte er sich erstmals in seinem Leben einen Reisepass und ging auf Reisen, ganz unbeschwert und neugierig, ganz ohne Last. Seine Anerkennung als Künstler wuchs in jener Zeit, er fand Gönner und Freunde, die ihm freie Logis antrugen und ihn durch Amt und Zuschuss sorgenfrei leben, will sagen: komponieren ließen - allen Kritikastern und halbgaren Besserwissern zum Trotz. Die Kraft des Wasserdampfes trug ihn also per Bahn und Schiff von Wien bis Genf und retour von dort über Zürich in sein heimatliches wienerisches Musikbiotop. Er grüßte das Stift St.Florian, wo er lernte, lehrte und tief versunken die Nähe zu Gott suchte. Er durchlitt die Passion Christi in Oberammergau, reiste zum Märchenkönig nach München und weiter nach  Lindau, das Meer im Bodensee entdeckend. Mit Dampferkraft voraus ging es der Naturgewalt des Rheinfalls von Schaffhausen  entgegen, hinauf und hochalpin ins Massiv des Mont Blanc, hinein in versteckte Gletschergrotten und hinunter schließlich ganz auf Erdniveau zu allen Orgeln, die am Wege lagen. Er improvisierte und verarbeitete alles, was ihm Natur, Mensch und Gott als Eindruck in seinen schöpferischen Geist diktierten. Vielleicht noch niemals in seinem Leben war er so glücklich und zufrieden und so einig mit sich selbst.

 

Ein gebildeter Musikkenner früherer Zeiten meinte erkannt zu haben, dass sich die glücklichen Lebensumstände des Meisters in seiner Sechsten widerspiegeln. Mag sein, dass sich im Nebel des musikalischen Mysteriums Geheimnisse lüften lassen, ein Weg zum besseren Verstehen ist es allemal. Erwartungsvoll sind die ersten Takte, es ist ein zarter Wille spürbar, ein „Nach vorne Wollen“, ein Mensch, der vom Gehörten gefesselt ist und nun das Gehörte zum eigenen Erlebnis bringen möchte. Vor ihm türmen sich Eis und Schnee auf schroffen Felsformationen, unsicheres Terrain zu Land und Wasser bewegt sich unter seinen Füßen und die Passion dringt zu ihm vor in strahlenden Klängen und mit der Kraft vieler Sonnen. Es sind nie zwei Seiten einer Medaille, sondern eine Dreiheit musikalischer Themen, so als würde die Musik zur Plastik werden wollen, ein Gebäude, ein gotischer Dom vielleicht, ganz bestimmt aber die Erdkugel selbst, die Bruckner in kurzer Strecke von Wien bis zum Mont Blanc ersann. Und die Erdkugel beschützend von Außen? Er hatte Gewissheit, was uns Normalreisenden gelegentlich nur Ahnung ist.

 

An Bord, hin und wieder zurück, der Dirigent. Sein Händedruck ist weich und warm, seine Aura ist von großer Wärme und erfüllt von den Schwingungen der Musik, die in ihm niemals zu verrauschen scheinen. Er leuchtet Musik und wirkt doch selbst wie ein bescheidener Diener und Vermittler, der eine Predigt hält und durch die Liturgie führt. Seine Worte sind das, was ihm der Komponist in Noten hinterlassen hat, die Betonungen und Phrasierungen, die Bögen der Gedanken, was er herausliest und zum Klingen bringt. Der Rest ist Mysterium und bleibt Unerklärbares im Wissen und in tiefer Empfindung.

 

Hat das Licht der Sechsten  unsere Wahrnehmung  verändert oder hat sich einfach die Natur nur dem Klang derselben angepasst? Das Boot gleitet von Herrenchiemsee hinüber zum Festland, wie eine Barke der Glückseligen auf dem beruhigten tiefen Wasser, so, als wolle es den festen Boden der Wirklichkeit ganz bewusst ausblenden. Möge das Schiff doch nie ankommen. Das Wasser ist klar und tief, der Abendwind umschmeichelnd mild und der Himmel ist versunken im Farbenspiel des Abschieds zur Nacht.

Eine gute Nacht und auf ein Wiedersehen!

Kategorien: Sturm unterwegs
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor