Genua und seine geheimen Schätze

Genova!
von Michael Sturm

Genua und seine geheimen Schätze

Gleich fünf Nächte blieben wir in Genua. PALCO REALE feierte mit seinen Gästen an einem Ort, den viele Italiener und Auswärtige als Un-Ort ansehen. Der verrottende Hafen an der Stadt, der vermeintliche Dreck in Ecken und Gassen, die Vierspurige als Viadukt schäbig an der Altstadt entlang, dann noch die vielen unförmigen Kreuzfahrtkolosse und Fähren aus Tunesien - das kann nichts Gutes bedeuten. Na ja, gut, Teile der Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe, das mag schon fast das Gnadenbrot für die einst so reiche und stolze Seemacht Genua sein. Doch mehr?

Viel mehr! Die Genueser sind eigentlich keine stolzen Bürger ihrer Stadt mehr, zu sehr haben sie die Vorurteile verinnerlicht und verweisen eher auf die Schönheit außerhalb ihres selbstersonnenen ungünstigen Biotops. Sie fühlen sich als hässliches Entlein und sind umso überraschter, wenn jemand daher kommt und es als „hübsche, interessante, gar reizvolle Ente“ anspricht. Gesundes Misstrauen ist vor lauter Übertreibung sicherlich angebracht, will man doch nicht als Entenbraten enden. Und doch hörte man die Worte gerne, die wir Auswärtigen sprachen und dachten. Und wie schön ist es doch, einen Menschen zum Strahlen zu bringen, zum Lächeln, zum Funkeln in seinen Augen. Hier gibt es sie noch, die Unverdorbenheit im Geschäftssinn, die Menschlichkeit in der Hilfsbereitschaft, das Erleben der Freude in der Gemeinsamkeit. Wir sind gerne bei Euch – wir als Gäste und ihr als Gastgeber.

 

Touristen hat die Stadt kaum, ihr Ruf schreckt ab. Wir kamen aber und können verkünden „Mensch und Stadt“ haben einen guten Klang, der sich lohnt zu hören.

 

Das Opernhaus ist einer Piazza gleich. Die Ränge links und rechts vom Parkett ähneln einer Hausfassade mit Balkonen, fehlen nur noch die üblichen Leinen mit Wäsche daran. Die dortige Traviata wollte im Garten Eden wandeln und fallen, sie stolperte aber eher ins Ungewisse und Ungreifbare, szenisch wie musikalisch. Vermisst wurde die wirkliche Schlange mit geschicktem Todesbiss für die vom Weg Abgekommene. Das Neujahrskonzert hatte dann aber Biss und sogar etwas Tanz. Bewegten sich doch die Musiker bei Bernsteins Westside Story stehend als Drehorgel oder laut schnippend als Gang der Jets. Mit Biss ging es nach New York zu den Gangs und weiter zur wohl doch nicht „besten aller möglichen Welten“, wie sie Candide zu durchleben hat. Ein großartige Satire von Voltaire und von Bernstein in Töne gesetzt. Würde ich gerne einmal inszenieren, allerdings die ganze Oper und nicht nur die Ouvertüre wie hier. Ein anderer kam in NewYork an und schaute wehmütig zurück in die alte Welt, wo seine verbliebenen Kinder weilten. Antonin Dvorak grüßte von dort, um sich dann mit Klang und Rhythmus der einheimischen Musik auseinanderzusetzen und bei der Pentatonik zu landen. Der Gewinner des Abends war die Musik und der Träger des Lorbeers der junge Dirigent Alpesh Chauhan. Sollte man sich merken.

 

Bruno Canino ist ein italienischer Ausnahmepianist. Nicht mehr ganz jung, doch frisch und routiniert in Anschlag und Phrase. Sein Mozart sehr schön, sein Schubert kraftvoll, der Chopin dynamisch. Viel Applaus und eine Geburtstagstorte für den Jubilar, der junge 80 Jahre wurde und mit uns feierte. Canino spielte mit den Großen: mit Abbado, den Berliner Philharmoniker und Ricardo Muti. Nun spielte er für exklusiv für uns in der Renaissance-Villa „Lo Zerbino“ – eine prachtvolle Adresse mit Steinway für den Maestro.

 

Was strahlte waren die Kirchen aller Stile und Zeiten, die dunklen Gassen im Dickicht der Altstadt, das Marmor der Paläste in seiner glorreichen Vergangenheit. Die Via Garibaldi mit ihren Renaissance-Palästen ist ein Faszinosum, seine Museen und Galerien überraschend. Der Jahreswechsel verlief sehr fein: eine Barockbanda auf historischen Instrumenten erfüllte mit seinem unaufdringlichen Klang den Ballsaal im edlen Palazzo Angelo Giovanni Spinola, unzählige wohlschmeckende Gänge füllten den Magen, der Champagner den Geist. Zur Nullten Stunde wurde angestoßen und die Ankunft von 2017 laut johlend begrüßt.

 

Genau – La Superba! Wir kommen wieder!  

Kategorien: Sturm unterwegs
Porträt - Michael Sturm
Michael Sturm

Regisseur, Dramaturg und Autor